Abb. 199. Meine Karawane am Pepelaksattel.
Oben auf dem Sattel überfiel meine Karawane ein gewaltiger Sturm; die Stöße des Westwindes brachten Menschen und Pferde aus dem Gleichgewicht. Es war kaum möglich, sich aufrecht zu erhalten. Dabei war es bitter kalt, daß die Hände einem am Zügel erstarrten. Plötzlich entriß mir, der ich auf alle Menschen und Tiere aufpassen mußte und darum auch auf mich selber am wenigsten achten konnte, ein Windstoß meine Militärmütze und trug sie über das Schneefeld im Nu kilometerweit zu den Seen und über sie hinweg. Sie war dahin und die Reise mußte ohne Mütze fortgesetzt werden.
Zum Glück kamen wir bald über den Sattel und ritten abwärts in das Tal, welches sich am Fuß der Marmorberge hinzog. Trotzdem kamen wir noch nicht in Winddeckung und alle Mitglieder der Expedition litten an diesem Tage sehr durch den eiskalten Wind.
Ganz einsam und menschenleer war hier das Gebirge auf beiden Seiten des Tales. In den letzten Tagen hatten wir keine Hütte und keine menschliche Siedelung angetroffen. Nordwärts vom Pepelak hatten wir einige Hirten mit ihren Herden in der Ferne gesehen. In der Tiefe hatten wir Dörfer bemerkt und mit einem von ihnen waren wir auch in Beziehungen getreten. Und so sollte es noch für einige Tage weiter gehen.
Es war ein wasserloses Tal, welches wir nun zu durchreiten hatten. Schroff und kahl stiegen zu unserer Rechten die Karstberge auf, eine lange Kette von Gipfeln, an deren Südostecke ein Doppelkegelberg mit schönen Umrissen emporragte, der höchste Gipfel des ganzen Gebirges, der für die nächsten Tage unser wichtigstes Ziel war. Diesen Berg hat Östreich wohl als erster Forscher 1899 bestiegen und nannte ihn Begova. Cvijić gibt ihm den Namen Jakupiza; den kannte aber keiner der Einwohner, die wir in diesen Tagen befragten. Die österreichische Karte 1: 200000 bezeichnet die beiden Gipfel als Solunska und Begova. Diese beiden Namen wurden uns bestätigt, wobei allerdings der Name Begova auch auf das weitere Gelände ringsum bezogen wurde und ja weiter nichts bedeutet als der Besitz des Beg.
Die Rast bei der von Dr. Gripp untersuchten Moräne war wenig erfreulich; denn keiner von uns fand Deckung vor dem kalten Winde, der durch das Tal fegte. So ritt ich bald mit Dr. Gripp voraus, um zu versuchen, rechtzeitig einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Der Ritt führte über die zweite Moräne, dann links über einen Hang hinauf durch den letzten Teil des Wannentals. Hier sahen wir an vielen Stellen die Zeugen der Arbeit des Gletschereises in den gewaltigen Marmorblöcken, die oft über 40 m über der Talsohle auf dem Gneis lagen.
Nun ging es hinab und auf eine weite Fläche hinaus, an deren gegenüberliegendem Rand Nadelgehölz uns eine geeignete Lagerstätte zu versprechen schien. Seit Tagen schien zum ersten Male wieder ein Waldbestand uns zu winken. Die hohen Gipfel, vor allem die Solunska, waren hier durch vorragende Berge der Kalkkette verdeckt; aber weit die Vorberge hinauf sah man den Nadelholzbestand reichen, der der Landschaft einen ganz anderen Charakter gab, als ihn die öden Wiesen- und Steinregionen besaßen, die wir zu verlassen im Begriff waren.
Unsere Pferde griffen auf dem weichen Wiesenboden flott aus. Es war eine noch magere Wiese, über welche wir ritten, man sah ihr an, daß der Schnee noch nicht lange von ihr abgeschmolzen war. In munterem Ritt ging es über eine weite, flache, von Bächen durchzogene Talebene, an derem jenseitigen Rand neue Berge aufragten, an die im Südostwinkel die hohen Berge sich anschlossen, die allmählich frei wurden und in einem kühlen Nachmittagslicht vom trüben Himmel sich abhoben.
Wieder packte uns der Wind an und wir suchten wieder Winddeckung für unser Lager, die wir schließlich am Südrand des Tales auf einem Felsen fanden, hinter welchem dicht anschließend das Nadelholz anfing, zu unserem Erstaunen Legföhren, Latschen, die mich höchst heimatlich anmuteten.