Vor dem Felsen stand eine zeltförmige kleine Hütte aus Reisigholz; sie wurde von unseren bulgarischen Soldaten und den Tragtierführern freudig begrüßt. So winkte ihnen doch die Aussicht, einige Nächte unter Dach zuzubringen, wenn dies Dach auch nicht übermäßig fest und dicht war. Wir schlugen unsere Zelte etwas oberhalb der Hütte auf der Felsplatte auf und bald rauchten die Lagerfeuer, so daß man hoffen durfte, vor der Nacht durch warme Nahrung die durchfrorenen Körper etwas zu erholen.
Holz gab es genug in der Nähe, denn die ganzen Hänge waren von dem Krummholz bedeckt, dessen dunkelgrüne Nadeln einen neuen erfreulichen Farbton in die Landschaft brachten. Dicht bei unseren Zelten begannen die Latschenbestände und zogen sich auf allen Hängen weit hinauf. Es waren stattliche Büsche, oft fast baumartig emporragend. Mit ihren liegenden Ästen und oft hervorragenden Wurzeln erschwerten sie das Steigen sehr. Die Latschen hatten lange, weiche Nadeln von dunkelblaugrüner Farbe. Die Bestände waren durch diese blaugrüne Färbung außerordentlich charakteristisch und beherrschten durch diesen Farbton vielfach die Stimmung der vorherrschend düsteren Landschaften im Solunskagebiet. Es war Pinus montana Mill., Sbsp. mughus Scop.
In unserer Nähe war der Legföhrenbestand immerhin etwas gelichtet; verbrannte Stellen zeigten uns, wie unvorsichtig und nachlässig die Bevölkerung auch hier mit dem kostbaren Holz umgegangen war. Die kleine Hütte war von Köhlern errichtet worden, welche offenbar regelmäßig im Hochsommer einige Monate zum Kohlenbrennen hier verbringen. Im Krummholzwald zeigten auf zahlreichen Lichtungen die Reste von Kohlenmeilern, daß hier eifrig gearbeitet worden war. Aus manchen Meilern konnten wir uns noch erhebliche Mengen Holzkohlen herausholen, die unsere Feuer nachhaltig machten, und uns erlaubten, um sie herum hockend, uns ordentlich anzuwärmen.
Während die Zelte aufgeschlagen und gekocht wurde, hatten wir Naturforscher Zeit, uns an unserer neuen Arbeitsstätte umzusehen. Es war eine großartige Landschaft, die sich um uns ausbreitete. Vor uns lag eine weite, grasbewachsene Ebene, durch welche mehrere Bachläufe sich verzweigten. Direkt unseren Zelten gegenüber, also nördlich von ihnen, zog sich von West nach Ost eine Hügelkette hin, welche dem Gneisgebiet angehörte und dies durch ihre graue Färbung erkennen ließ. Sie setzte die Begrenzung des Wannentals fort, das gleichsam durch eine Pforte sich in das weite Tal öffnete. Westlich zogen die hellen Karstberge heran und grenzten mit ihren weißen Wänden das Tal ab, sich fortsetzend in die stattlichen Gipfel der Begova und Solunska. Diese prachtvollen Berge erhoben sich steil etwas rechts hinter unserem Lager; wir brauchten nur einige hundert Meter in die Ebene hinauszuwandern, um einen grandiosen Anblick zu genießen. Von der Abendsonne rosig überhaucht hoben sich die mächtigen Kalkhalden aus dem dunklen Polster der Latschen, welche auf dieser Talseite überall hoch die Hänge hinaufstiegen. Tiefe, blaue Schatten hoben die zerrissenen Wände der beiden Kegel scharf hervor.
Der Blick nach Norden und Osten war weniger großartig; ziehende Wolkenschwaden verhüllten meist die Aussicht. Immerhin war diese sehr interessant. Der Grund des weiten Tals war wellig und zum Teil mit Rasen bedeckt. Zahlreiche Rinnen durchzogen ihn, von Bächen und den von allen Höhen niederrauschenden Schneeschmelzwässern gebildet. Auf den ersten Blick mußte man an einen ausgetrockneten Seeboden denken, eine Meinung, die tatsächlich von Östreich ausgesprochen wurde. Das ganze Tal gehörte dem Karstgebiet an und als interessante Karsterscheinung konnten wir zwei von West und Nord zuströmende Bäche feststellen, welche in der Mitte der Talebene beide gemeinsam plötzlich im Boden verschwanden. Beide Bäche strömten hier in eine tiefe Doline; ihr Wasser wurde vom Boden verschluckt, um irgendwo weit bergab aus einer Felsspalte wieder zum Vorschein zu kommen.
Das Tal wies auch die Spuren einer einstigen Vergletscherung auf. Am Ostrande war es eng geschlossen und setzte sich in eine trockene Schlucht fort, welche durch Moränen gesperrt war und an ihren Rändern Marmorblöcke auf dem Gneis trug, die Verlauf und Mächtigkeit des einstigen Gletschers anzeigten.
Abb. 200. Ziesel nahe seinem Loch (Citillus citillus L.).
Das Tal selbst gab zu allerhand Beobachtungen Anlaß. Die Präparatoren waren eifrig auf der Vogeljagd, wobei interessante Arten, wie die Ohrenlerche (Chionophilos alpestris balcanicus Rchw.), erbeutet wurden ([Abb. 201]). Im Talgrunde waren zwischen dem kurzen Rasen viele Erdlöcher mit ausgeworfenem Sand zu beobachten, von denen viele von Zieseln bewohnt waren. Dieses fast hamstergroße Nagetier hatte ich in Mazedonien schon oft beobachtet. Er ist ein reizvolles, putziges Tierchen; oft sieht man es, wie ein Murmeltier aufgerichtet vor seinem Erdloch sitzend und Männchen machen, um schnell wie der Wind sich in die Tiefe zu stürzen, sobald es den Menschen bemerkt ([Abb. 200]).