Abb. 201. Ohrenlerche im mazedonischen Hochgebirge, oben Männchen, unten Weibchen. (Chionophilos alpestris balcanicus (Rchw.)).

Einige Belegstücke wurden geschossen, um diesen eigenartigen Fundort festzulegen. Es war auffallend, dies Steppentier in so großer Meereshöhe (2000-2200 m) so zahlreich zu finden. In den Ebenen des Wardar bei Hudova und Üsküb hatte ich immer nur einzelne gesehen, hier waren hunderte von Löchern im Talboden und die Tiere ließen sich leicht beobachten, da sie in dieser einsamen Gegend viel weniger scheu waren, als im Tiefland. Die Weibchen waren hier gerade trächtig, also fast 6 Wochen später als im warmen Tiefland. Hier oben müssen sie auch einen viel längeren Winterschlaf halten als unten. Auch die Nahrung mußte bisher sehr mager gewesen sein, denn vor kurzem hatte der Schnee noch das Tal gedeckt. So hatte das Tier hier auch wohl sicher noch keine Vorräte eingetragen, bei welcher Tätigkeit ich es im Wardartal schon viel früher im Jahre beobachtet hatte. Dort hatte ich den Ziesel große Gras- und Heubüschel, größer als er selbst, im Mund im raschesten Lauf einschleppen sehen. Hier auf dem Balkan scheint also der Ziesel seine Vorräte nicht nur in den Backentaschen einzutragen, wie er das in Rußland tun soll. Die bisherigen Untersuchungen ließen keine Abweichungen von der typischen Form (Citillus citillus L.) erkennen.

Ein Iltis, der rasch in einem der Bauten verschwand, konnte leider nicht erbeutet werden.

Im Tal war eine Senke stark versumpft, zahlreiche größere und kleinere Tümpel von geringer Tiefe waren da durch das Schmelzwasser des Schnees entstanden; von ihnen waren einige im Austrocknen begriffen, einige wenige schon ganz ausgetrocknet. In diesen Tümpeln und in ihrer Umgebung fand sich eine reiche Tierwelt. Ich beobachtete dort Laubfrösche, Unken, den großen Bachfrosch (Rana ridibunda L.), im Wasser tummelten sich verschiedene Arten von Wasserkäfern (Gaurodytes-Arten), Wasserwanzen und Käferfliegenlarven. Vor allem aber wimmelten einzelne der Tümpel von ungeheueren Massen einer Euphyllopoden-Art (Chirocephalus diaphanus stagnalis); zu vielen Tausenden schwammen die rotgelben Krebschen in langsamer Bewegung in dem kalten Wasser umher. Sie waren in allen Entwicklungsstadien vertreten, auch erwachsene Männchen und Weibchen, welch letztere auch schon reichlich Eier entwickelt zeigten. Die Dauereier dieser Tiere sinken in den Schlamm, der den Boden der Tümpel bedeckt. Ist das Wasser der Tümpel verdunstet, so trocknen die Krebseier mit dem Schlamm aus und können Trockenheit und schwersten Frost überstehen. Füllt neues Schmelzwasser die Tümpel von neuem, so schlüpfen junge Krebschen aus den Eiern aus und erfüllen die entstehenden Gewässer mit neuem Leben. Aus den frisch ausgetrockneten Tümpeln nahm ich Schlammproben mit, um später in der Heimat im Laboratorium die Chirocephalus zu neuem Leben zu erwecken. Es war dieselbe Branchiopoden-Art, welche in den Pepelakseen erst den Larvenzustand erreicht hatte.

Von Chirocephalus diaphanus sind bisher zwei Rassen beschrieben worden, eine größere und eine kleinere. Unser Fund gehört zur kleineren Rasse, die bisher in Mazedonien noch nicht beobachtet war, während die größere schon einmal im Wardartal gefunden wurde. Sie gilt als eine Art subtropischen Ursprungs, eine Warmwasserform, welche ihr Hauptverbreitungsgebiet im Norden Afrikas hat. Daß sie trotzdem starke Temperaturschwankungen aushält, beweist unsere Beobachtung, daß das Wasser der Tümpel im Begovatal nachmittags bis 22,4° C erreichte, während morgens in der Frühe eine Eisdecke ihre Oberfläche überzog. In den Tümpeln lebte außerdem ein Kopepode Diaptomus tatricus Wierz., bei welchen die Männchen prachtvoll von Carotin rot gefärbt, die Weibchen aber mit Ausnahme der roten Eier farblos waren. Auch diese Art war neu für Mazedonien.

SOLUNSKA GIPFEL.

Dem ereignisreichen Tag folgte eine bitterkalte Nacht. Morgens um 5 Uhr maß das Thermometer noch 2° unter Null. Die Zeltbahnen waren dick bereift. Aber uns Bergwanderer grüßte ein wolkenloser Himmel und machte uns den Entschluß leicht, an diesem Tag die Besteigung der beiden Hochgipfel zu unternehmen. Wir stiegen die tiefe Mulde hinan, welche sich vor Begova und Solunska, wie die beiden Gipfel nach den Aussagen der Einwohner hießen, ausbreitete. Wir hatten Felsblöcke zu überklettern und — wer Latschenwälder der Alpen kennt, wird würdigen, wie schwer es war über die Wurzeln und Äste der sehr stattlichen Legföhren hinwegzuklettern, um durch das Moränenfeld des großen Kars zu gelangen, das sich hier vom Sattel zwischen beiden Gipfeln zu uns erstreckte. Die oberen Mulden des Karhanges waren noch mit ausgedehnten Schneefeldern erfüllt, von denen murmelnde Bäche sich zu kurzem Lauf zwischen den Kalk- und Marmorblöcken des Hanges entwickelten. Beim Aufstieg an die jenseitigen Hänge des Kars verließen wir bald die Latschenzone und kamen in ein fast vegetationsloses felsiges Gebiet. Der Anstieg war an dem kühlen Morgen nicht allzu anstrengend. Die Höhendifferenz von unserem hochgelegenen Lagerplatz bis zu den Gipfeln war ja nicht sehr beträchtlich. Dazu kam, wie in allen von mir besuchten mazedonischen Gebirgen, mochten sie noch so entlegen und einsam sein, das Vorhandensein von Pfaden, die allerdings oft undeutlich waren, selbst verschwanden, um nach einigen hundert Metern wieder erkennbar zu werden. Jetzt war die Gegend ja vollkommen menschenleer; aber im Sommer wurde sie von zahlreichen Hirten mit ihren Herden durchzogen, die alle Pässe überwandern. Auch mögen Schmuggler und Flüchtlinge diese Pfade ausgetreten haben und noch vor kurzer Zeit mochte manche Bande in diesem wüsten Gebirge Zuflucht gesucht und gefunden haben.

Wir stiegen einen Berg hinan, der mit der Begova durch einen offenbar leicht zu überschreitenden Sattel verbunden war. Als wir höher kamen, wurde der Pfad unerkennbar, wir hatten fest zu klettern über steile Hänge und plattige Gesteine. Rückwärts hatten wir einen schönen Blick in das weite Kar mit seinen Kalkfelsen und Marmortrümmern, zwischen denen nach unten immer größere Inseln von Vegetation sichtbar wurden, bis an den unteren Hängen der dunkle breite Gürtel des Latschenwaldes sich ausbreitete. Über das Kar hinaus sahen wir die schwarzen Felsengipfel des Pepelak mit ihren Schneebändern und östlich von ihm den grünen Liseč.

An den Abhängen der Solunska gab es mancherlei typisch alpine Pflanzen. So wuchsen an den Felsen polsterbildende Steinbrecharten mit Blattrosetten, welche eine einheitliche wie ein Mosaik aussehende Fläche bildeten. Die Arten sind noch nicht bestimmt ([Abb. 202]).