Abb. 202. Saxifraga sp. Polsterbildender Steinbrech.
Auch Gentiana cruciata L. und die gelbe Akelei Aquilegia aurea Janka wuchsen dort.
Am Rande eines Schneefelds wurden einige Schmetterlinge der Gattung Mnemosyne aus der Gruppe der Parnassier gefangen. Sie waren offenbar auf dem Flug in die Hochregion begriffen, wie andere Schmetterlinge aus den Gattungen Vanessa und Colias, die mit uns im warmen Sonnenschein gipfelwärts strebten, und die wir dann oben in großen Flügen antrafen.
Überall mußten wir auf dem Weg kleine und große Dolinen umgehen. Wir stiegen zuletzt auf den Westhang der Gipfelregion über kahle Kalkfelsen hinan an einem tiefen Gesteinsspalt, der in eine von Schnee erfüllte Höhle überging. Hier mußten Alpendohlen ihre Brutstätte haben; denn ein großer Schwarm dieser blauschwarzen Vögel mit ihren roten Schnäbeln und gelben Beinen flog lärmend aus der Felsspalte vor uns auf, vergeblich beschossen von unseren ermüdeten Präparatoren (Pyrrhocorax graculus L.).
Wir erstiegen nacheinander die beiden Gipfel der durch einen steilen Grat getrennten Schwesterberge, der Begova und Solunska. Auf jeder der Spitzen des Doppelkegels weilten wir längere Zeit und bestimmten die Höhe des nördlichen Gipfels (Begova) mit 2420 m, den der südlichen Solunska mit 2530 m.
Auf dem Gipfel der Solunska blieben wir über Mittag im schönen Sonnenschein; und während gemessen und photographiert wurde, konnte ich einen Fernblick von wunderbarer Größe genießen. Von der Solunskaspitze hat man einen Rundblick über das gesamte Mazedonien. Den Horizont im Westen begrenzten der Schardakh mit dem Ljubotren und der Kobeliza, südlich davon der mächtige Kegel des Korab und die blauen Ketten der albanischen Berge. Im Südwesten erkannte man die Kessel, in denen der Ochrida- und Prespasee liegen mußten, daneben den Peristeri. Darüber hinaus lag Dunst auf der Ebene von Saloniki, aus dem noch einzelne Gipfel aufragten.
In der Mitte des Bildes dehnten sich, Kette hinter Kette, die mazedonischen Mittelgebirge wie ein von Wellen bewegtes Meer. Direkt südlich das Berg- und Talgewirre des Babunagebietes, die von Bergen umsäumte Ebene von Prilep; ja an deren Grenzen, die man so ferne wähnte, wenn man der umständlichen Reise dorthin gedachte, erkannte man deutlich die Kette der Granitberge, an deren Hang das Kloster Treskowač und die absteigende Kette bis zum Varosberg, jenseits der Ebene die Berghalde, an der die Stadt Krusewo liegt.
Mehr gegen Osten verfolgte man, ohne den Fluß selbst zu sehen, den Verlauf des Wardar, das Felsenland von Demirkapu und fern dahinter die Gebirge der Belasiza, der Dudica und Mala Rupa. Seltsam deutlich tauchte im Osten die Ebene um Stip, in ihr diese Stadt selbst auf, die sie umgebenden Felsenberge und die von Veles zu ihr führende Straße.
Ich genoß mit tiefem Empfinden des Glücksgefühls, welches über mich kommt, wenn ich einer schönen, großzügigen Landschaft gegenüberstehe. Wie ein wundervolles Kunstwerk liegt sie vor mir, erfüllt mich und es kann wie ein Rausch über mich kommen. Nun sauge ich sie mit ihrer ganzen Schönheit in mich hinein; sie tritt in mich ein, wird ein Teil meiner Seele.