Dann beginnt es in mir zu schaffen; ich stehe all dieser Schönheit der Welt nicht mehr passiv gegenüber. Ich bemächtige mich ihrer. Ich rahme sie ein, sie wird zum Kunstwerk in mir, mit ihren Schatten und Lichtern, ihren Massen, ihrem Duft, ihren Formen und Farben. So nehme ich sie für alle Zeiten in mich auf, sie kann jeden Augenblick in ihren großen Zügen und mit all ihren Einzelheiten vor mein inneres Auge treten, so, wie ich sie in dem Augenblick des starken Eindrucks erschuf. Und so zwingt sie mich, sie wieder neu zu erzeugen, in der in mir geborenen Form, in Worten oder mit dem Pinsel.

Abb. 203. Gebirgsketten gesehen südwärts vom Solunskagipfel.

Das ganze mir bekannte Mazedonien lag im Glanze des Mittags vor mir, mit seinen Bergen und Tälern, Flußläufen und Ebenen in allen Einzelheiten deutlich durch die Klarheit des ersten schönen Tages nach dem Regenwetter. Alle Erinnerungen an die Erlebnisse und an die großen Natureindrücke, die ich in diesem weiten Gebiete genossen hatte, lebten in meiner Seele auf. So wurde ich nicht satt, stundenlang in die Ferne zu schauen und mit wohligen Gefühlen im warmen Sonnenschein zu schwelgen.

Nicht minder reizvoll war die nähere Umgebung, die grellen Steinhalden mit ihren blauen Schlagschatten, die Umrahmung durch die ausgedehnten Latschenbestände und jenseits gegen Veles und das Wardartal die grünen, bewaldeten, schöngeformten Berge, auf denen blaue Wolkenschatten wanderten.

Nach der anderen Seite sah man in eine breite U-förmige Talung, welche im Südwesten von sehr stattlichen Karstbergen begrenzt wurde; diese stellen eine Fortsetzung der vom Pepelak aus beobachteten Karstkette dar.

Bereichert, in froher Stimmung trat ich den Abmarsch durch die Latschenregion an, nachdem am Gipfel noch eine ganze Anzahl von Schmetterlingen und Dipteren erbeutet worden waren, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, unter anderen Hesperia malvae L. Von Vögeln wurden in der Gipfelregion außer der Alpendohle die Steindrossel (Saxicola rubetra L.) und der Mauerläufer (Tichodroma muraria L.) beobachtet.

Auch in der Latschenregion war das Insektenleben an dem warmen Sonnentag erwacht, so daß der Marsch talwärts zum Lager bis zum Abend sich hinzog. Auf dem Grasboden zwischen den Latschen bildeten Gruppen eines schönen Enzians (Gentiana verna var. aestivalis R. u. Sch.) leuchtend blaue Flecken. Auch sonst war eine reiche Alpenflora hier in der Entwicklung begriffen. An den Felsen klebten die Polster mehrerer Steinbrecharten, von denen eine von dekorativer Schönheit in der Photographie der umstehenden Abbildung festgehalten ist ([Abb. 202], [S. 406]). Es ist eine der typischen polsterbildenden alpinen Arten. Große Begeisterung erregte bei unserm Botaniker der erstmalige Fund der Alpenbärentraube Arctostaphylos uva ursi Sprg. im mazedonischen Gebirge.

Im Sumpftal und im Latschengebiet wurden interessante Käfer gefangen, darunter ein zierlicher Dorcadion, silbergrau gefärbt mit schwarzen Flecken, wohl eine neue Art und der Rüsselkäfer Cleonus albicans Schm. Am Sumpf flog der Bläuling Callophrys rubi L., während weiter oben in den Felsen der Spanner Larentia turbata Hb. gefangen wurde.

Am Nachmittag des nächsten Tages (26. Juni) brachen wir unser Lager in dem schönen, latschenumrahmten Begovatal ab, um noch in einer tieferen Region vor dem Rückmarsch eine Station zu machen. Es ging steil das Abflußtal hinab, in welches früher der Gletscher noch ein Stück hineingereicht hatte. Wir traten nun wieder in das Gneißgebiet ein. Hier bildete sich im Talgrund ein plätschernder Bach, der uns beim steilen Abritt begleitete, dabei sich immer mehr vergrößernd und verstärkend.