Im Anfang des Gneißtales war eine Talmulde reich mit Brennesseln und Disteln bewachsen. Nach den Erfahrungen in den Alpen war dies ein sicheres Anzeichen, daß hier früher einmal eine menschliche Siedelung gewesen sein mußte. Von einer solchen war aber keine Spur mehr zu entdecken, was bei der primitiven Bauart der Sommerwohnungen, welche die Bewohner des Gebirges hierzulande nur für die gute Jahreszeit zu errichten pflegen, nicht verwunderlich war.

In dem steilen Tal mit seinem reichen Pflanzenwuchs flogen viele Insekten. Wir fanden eine schöne große Art des Parnassiers Mnemosyne, von dem wir ja Ausflüglern am Solunskahang begegnet waren. Arten von Argynnis, Erebia (E. medusa F.), Geometriden und Arctien nebst Bienen und Wespen gab es in zahlreichen Formen.

Allmählich verschwanden die Latschen; an ihre Stelle trat Buchengestrüpp, das allmählich höher wurde. Gegen Abend langten wir in flottem Trab auf einem grünen Wiesenhügel an, der an seinem unteren Rand von einem prachtvollen Buchenhochwald abgegrenzt wurde. Unsere Pferde wieherten fröhlich, als sie das frische grüne Gras der Matte sahen; ihnen war es ja oben in den Bergen in der Vorfrühlingszone nicht allzu gut ergangen. Hier war in einer Meereshöhe von 1620 m ein sehr geeigneter Lagerplatz für uns gefunden. Ein Bach plätscherte in der Nähe und noch dazu wurde eine Almhütte entdeckt mit großen Hürden für Schafherden, die schon bewohnt war. Das erschien eine gute Gelegenheit unsere Verpflegung zu verbessern. So wurden denn rasch die Pferde abgesattelt, die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer angezündet. Man freute sich allgemein auf etwas mehr Behagen und wärmere Nächte, als wir sie in der Hochregion gehabt hatten.

Die Almhütte, eine Mandra, wie man sie hier wie überall, wo Türken regiert haben, benennt, war eine primitive, aber ziemlich große Reisighütte, in der eine ganze Anzahl Hirten hausten mit einer großen Schafherde von mehreren hundert Köpfen. Es waren nur Männer und einige Knaben hier oben, Albaner, Türken und Aromunen friedlich beieinander, ein Bild des Völkergemisches Mazedoniens. Der Obersenn, ein Aromune, begrüßte mich sehr freundlich, als ich ihn mit meinem Dolmetscher aufsuchte. Er versprach uns Milch und Käse zu liefern und erzählte manches Interessante. Er berichtete, daß Rehe und Hirsche im Gebiet vollkommen fehlten, während in den Wäldern Wildschweine nicht selten seien. In der Hochregion kämen aber Gemsen vor. Ganz sicher scheint mir letzteres nicht, wenn es auch sehr wohl möglich ist. Es ist jedenfalls sehr auffallend, daß wir keine Gemsen bei unseren einsamen Streifzügen in der Hochregion beobachtet haben. Immerhin ist ja möglich, daß sie sehr selten sind, da ihnen jedenfalls von den Albanern, die geschickte Jäger sind, viel nachgestellt wird.

Vor allem sprach er von den Wölfen, die seinen Herden nachstellten, was ich ihm gern glaubte, nachdem ich am Pepelak schon einen prachtvollen alten Wolf erbeutet hatte. Ich ging denn auch nachts auf den Anstand, aber ohne Erfolg. Es war eine helle Mondnacht, in der der Obersenn mich zum angeblichen Wechsel der Wölfe oberhalb des Waldes ins Latschendickicht führte. Ich saß lauernd in den Latschen am Rand einer kleinen Wiese, in deren Mitte er ein Böckchen als Lockmittel angepflockt hatte, während der fast volle Mond rot über dem Berg aufging.

Es war wundervoll am mondüberglänzten Berghang zu sitzen, auf den die dunklen Latschen schwarze Schatten warfen; zwischen ihnen ragten phantastisch geformte riesige Felsblöcke in die Höhe. Ein leichter Wind bewegte die Büsche und trug das Rauschen des Waldes herauf. Ich hörte Grillen zirpen, hier und da die leise Stimme eines Vogels. Aber die Wölfe kamen nicht, ich hörte sie tief unten im Tale heulen, wo die Hunde der Hirten ihnen wütend antworteten. Und als das Böckchen sich auf die Wiese zum Schlafen gelegt hatte und keine Lust mehr zeigte, die Wölfe durch sein Blöken anzulocken und auch mein Führer in seinem Busch ein mörderisches Schnarchen anhob, nahm ich an, daß auch er kein großes Zutrauen auf das Erscheinen der Wölfe habe. Ich entschloß mich, lieber nach dem ermüdenden Tag zu meinem Zelt zurückzukehren. Es war ein wundervoller Weg bergab durch den Buchenwald, durch dessen mächtige Stämme das Licht des Vollmondes fiel. Ich war aber doch froh, als ich auf der silbern überglänzten Matte zu meinem Zelte gelangte und zwischen 1 und 2 Uhr nachts in einen erquickenden Schlummer fiel.

Die nächsten Tage dienten der Erforschung der Waldregion, welche manches schöne Ergebnis brachte. Von der Mandra führte ein ganz kurzer Pfad durch den Wald aufwärts bis zur Waldgrenze, die hier hochstämmig an die Matten, die von Latschengruppen bestanden waren, stieß. Den Weg kreuzten viele Waldbäche, von üppiger Pflanzenwelt, vor allem Doldenpflanzen, umrahmt. Der Wald bestand aus hochstämmigen, schönen blanken Buchen. Man hätte glauben können, in einem deutschen Walde zu wandern, hätte er nicht so viele Spuren einer barbarischen Behandlung gezeigt. Es war ein trauriger Eindruck, zu bemerken, wie die Bevölkerung hier so gar kein Verständnis dafür hat, den Wald zu hegen und zu pflegen, der für seine Wohlfahrt so wichtig wäre. Wo hier Wald ist, wird ein planloser Raubbau getrieben, niemals planmäßige Ausnützung. Hier verdankte der alte stattliche Wald sein Leben nur dem Umstand, daß der Abtransport des Holzes zu beschwerlich und kostspielig ist, sonst wäre er längst verschwunden.

In der Nähe des Pfades war grausam in ihm gehaust worden. Zahlreiche gefällte Stämme faulten unbenutzt am Boden. Ihnen waren nur die Äste abgeschnitten, die zum Feuermachen geeignet waren. Die meisten stattlichen Stämme waren in der Mitte abgehauen, was einen traurigen Eindruck machte.

Für mich war es reizvoller, tief in den unverletzten Wald einzudringen und die Vogelwelt zu beobachten, die sehr reich war und vollkommen an die unseres Buchenwaldes erinnerte. Spechte, vor allem der Mittelspecht und der Liljefordspecht, viele Meisen, am zahlreichsten die Nonnenmeise, Amsel, Misteldrossel, Singdrossel, Rotkehlchen, Baumläufer, Kleiber und Häher belebten die hohen Hallen des schattigen Waldes.

Vor allem reizvoll war die Grenzregion gegen das Latschengebiet, wo zahlreiche rasenbedeckte Blößen sich am Waldrand einfügten. Hier war in etwa 1700 m Meereshöhe ein außerordentlich reiches Insektenleben.