Auf den Blößen ragten große, seltsam gestaltete Felsblöcke empor, deren einen wir wegen seines pompösen, denkmalähnlichen Aussehens in unseren Gesprächen den Hindenburgfelsen nannten. Vor dem dunklen Hintergrund der Latschen wuchsen auf den Wiesen schneeweiße Blattrosetten einer für das Hochgebirge typischen Königskerze. Es war Verbascum longifolium Ten. Wie zarter weißer Samt sahen die Blätter aus, die sich auch wie solcher anfaßten. Etwas abwärts am Waldrand flogen große Schwärme von Schmetterlingen über den Blumen der Waldwiese. Da war die eigentliche Flugstätte der schönen Mnemosyne, die wir in den höheren Regionen nur spärlich angetroffen hatten. Hier gab es schöne Argynnus-Arten, dunkle Geometriden, bunte Bärenspinner, viele Hummeln; solitäre Bienen in großen Massen umschwärmten die Blumen, dazu summten mit ihnen um die Wette Bombyliden und andere große bunte Fliegen. Unter den Steinen fanden sich interessante Käferarten, auf den Felsen liefen Sandlaufkäfer herum. Von den Bienen möchte ich Andrena dubitata Schenck und die neuentdeckte Osmia bulgarica Friese erwähnen. Sehr reichlich waren die Hummeln vertreten, von denen wir allein in dieser Region neun Arten fingen, vor allem Gebirgsformen (vgl. Anmerkungen zu diesem Kapitel).

Abb. 204. Wollige Königskerze zwischen Latschen. (Verbascum longifolium Ten. zwischen Pinus montana Mill. subsp. mughus Scop.) Golesniza Planina 1800 m. 27. Juni 1918.

Durch die Luft zogen Raubvögel, Sperber, Bussarde, Weihen, Habichte ihre Kreise. Adler fehlten nicht. Ein schöner Kaiseradler ließ sich auf einem dürren Baume nieder, ließ aber leider keinen zum Schuß nahe genug heran.

Durch die verschiedenen Streifzüge der Mitglieder der Expedition wurde die Eigenart der Bergregion in der Meereshöhe von 1500-1800 m ziemlich eingehend erforscht. Unterhalb der Latschenzone zogen sich hier am Abhang von Begova und Pepelak hochstämmige Buchenwälder, zum Teil abwechselnd mit Weißtannen hin. Zwischen diesen breiteten sich weite Grasmatten aus. An steilen Talhängen traten oft nackte Gneißfelsen in weiter Ausdehnung auf. Den gleichen Charakter besaßen die anschließenden Berge von gleicher Höhe, so der Liseč und die Bergketten, welche sich zwischen dem Gesamtstock der Golesniza und dem Wardartal in der Gegend von Veles hinzogen.

Abb. 205. Schafherde auf Matte unterhalb der Latschenzone.

Die großen Grasflächen dienten als Viehweiden, in dieser Höhe vorwiegend für Schafe, von denen Herden von vielen Hunderten bis Tausenden beobachtet wurden. Die Hirten versorgten uns auch reichlich mit Butter, Käse und Milch, was alles von den Schafen stammte. Abends wurden die Schafe zum Melken in die Sennhütten getrieben. Sie wurden in Hürden gejagt, von denen sie einzeln durch einen schmalen Durchgang zu den fünf Melkern gelangten, deren jeder ein Schaf mit grober Hand erfaßte und schief über ein Gestell von Brettern und Latten stellte, daß es nicht davonlaufen konnte. Dann wurde die wenige Milch, die ein Schaf liefert, mit drei bis sechs energischen Melkzügen am Euter in Holzeimer gespritzt, worauf sofort ein neues Schaf an die Reihe kam. Der ganze Betrieb war auffallend gut organisiert. Jugendliche Albanerknaben brachten immer rasch frische Schafe heran und nahmen die gemolkenen Tiere weg, die dann stumpf und ruhig, mit gesenkten Köpfen in der Hürde standen, ehe sie wieder auf die Weide gelassen wurden. So vollzog sich die Arbeit auffallend rasch und planmäßig, nicht ohne Geschrei der Leute und ein wildes Gebelle der vielen großen Hunde, welche zum Hüten der Herden dienten. Es waren schöne große Hunde, vom Typus der Schäferhunde mit zottigem Fell, die hier benutzt wurden. Meist werden sie von ihrem Herrn sehr schlecht behandelt, sind daher bissig, feig und für den einsamen Wanderer nicht ungefährlich. An ihren Herrn sollen sie sehr anhänglich sein, sie machen überhaupt den Eindruck einer vorzüglichen Rasse.

Dr. Gripp phot.