WINTERLANDSCHAFT UND WOLKENMEER AM PERISTERI von Höhe 1800 bei Gopes.

Als ich auf der Kuppe angelangt war, begann der Tag sich zu neigen, gelber begann das Sonnenlicht die Schneeflächen zu färben. Aus der Tiefe stiegen Nebelschwaden auf, welche in die Täler eindrangen und diese allmählich erfüllten. Immer weiter breiteten sie sich aus und bedeckten schließlich wie ein weites Meer die Ebene, während gleichsam Buchten und Häfen sich in die Täler und zwischen die Berge erstreckten. Es war die Zeit, in der an der Front der „Abendsegen‟ ertönte, die regelmäßige Beschießung, die auch hier in den Gebirgsstellungen nicht unterblieb. Als die letzten Schüsse verhallt waren, breitete sich tiefste Stille um mich aus, nur hier und da knisterte es im frierenden Schnee. Im Westen, unter der sinkenden Sonne, schimmerte durch den Nebel der blinkende Spiegel des Prespasees durch, vor allem das Sumpfgebiet im Norden blitzte auf. Die Insel im See ist deutlich sichtbar.

Westwärts werden der Tomoros und Malisat, die Berge am Ochridasee, albanische schneebedeckte Gebirge, mit leuchtenden weißen Flächen und starken blauen Schatten sichtbar. Der Schein der Sonne wird röter und röter; in ihm leuchtet die Pyramide des Peristeri in Glut, die von tiefblauen Schatten sich abhebt. Die fernen Ketten schimmern wie Alpenglühen.

Wie düstere Inseln ragen die näheren Berge aus dem silberig erglänzenden Wolkenmeer heraus; dunkelviolette Schatten lassen sie als schwere Massen von der duftigen, flockigen Oberfläche des Nebelmeeres sich abheben. In dieser regt und bewegt es sich, sie erscheint stürmisch bewegt, zu gewaltigen Wellenungetümen aufgetürmt. Und wie Gischt an der Brandung bäumen sich die Wolkenränder an den Felsen auf.

Nun wird um mich das Licht fahler; nur die Spitze des Peristeri und weit drüben bei den Feinden der Kaimaktschalam erstrahlen noch in rosigem Licht. Die Schatten werden immer blauer und durchsichtiger. Schließlich verschwindet alle Röte von den Bergen. Ein zartes Gelb legt sich auf ihre Schneefelder, während die Schluchten in tiefe Tinten von Indigo getaucht werden. In der Ferne erscheinen aber die Kettengebirge zauberhafter noch als zuvor. Das Nebelmeer dehnt sich weit dahin wie eine unendliche schneebedeckte Ebene, aus der wie Inseln, wie ferne antarktische Gebirge die Ketten hervorragen, deren Gipfel die Wolken noch überragen. Kalt und einsam, menschenleer und verlassen, wie aus Kristall gebaut, schweben sie am Horizont. In einer hier eingefügten Farbenskizze habe ich versucht, den großen Eindruck festzuhalten.

Während ich hinabzusteigen beginne, dehnen sich die Nebelmassen immer mehr zu langen Wülsten aus; sie dringen mir auf meinem Weg entgegen. Aus der Tiefe drängen sie herauf. Sie bilden stürmende, wühlende Massen und erscheinen mit ihren grünlichen Schatten heller, leuchtender als die dunkler und dunkler werdenden Berginseln.

Abb. 249. Gopes im Winternebel.

Ich steige ihnen entgegen, in sie hinein, durch sie hindurch; tiefe Dämmerung umgibt mich; da tauchen die Häuser von Gopes vor mir auf, durch irgendeinen Reflex rosig angehaucht. Zwischen Nebelschwaden klettern sie aus dem Abgrund hervor, die Kirche mit ihren Türmchen, die Dächer und blau beschatteten Wände. Wolken wälzen sich durch die engen Gassen aus dem Tal herauf. Hier und da blinkt ein mattes Licht in den Fenstern eines alten Hauses auf.

An diesen Winterabend mußte ich denken, als ich an einem heißen Julitag 1918 die letzte Reise nach Gopes machte, schwer mit vielerlei Gepäck belastet, um das dortige Hauptquartier als Ausgangspunkt zu einer Besteigung des Peristeri, des Tomoros und zu Untersuchungen auf dem Prespa- und Ochridasee zu verwenden. Es waren glühend heiße Tage, an denen ich die Reise von Üsküb über Veles nach Prilep, von dort mit der Kleinbahn über Bucin und Lopatiče nach Sviniste machte, um von diesem Ort nach Gopes hinaufzureiten.