Oben fand ich alle erwartete Unterstützung und bestieg noch einmal den Berg, der mir im Winter einen so unvergeßlichen Eindruck hinterlassen hatte. Auch an diesem Tag bot er Interessantes. Allerdings die Waldverwüstung hatte noch weitere Fortschritte gemacht. Aber der Insektenreichtum war noch ähnlich groß wie im vorigen Jahr. Doch waren jetzt andere Arten beim Flug; so unter den Schmetterlingen interessante Blutströpfchen, Zygaeniden-Arten. Aber die Mnemosynen, welche im Jahre vorher so zahlreich hier flogen, waren jetzt entsprechend der um einen Monat vorgeschrittenen Jahreszeit verschwunden.

DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL

SOMMER IN MAZEDONIEN

Für den Naturforscher war der Sommer wohl die eindrucksreichste Jahreszeit in Mazedonien. Von ihm war in manchen Kapiteln dieses Buches die Rede; ich erwähnte oft seinen Einfluß auf Tier- und Pflanzenwelt, auf den Charakter der Landschaft. Hier möchte ich zusammenfassend ein einheitliches Bild vom Sommer Mazedoniens geben, da ich ihn für das Verständnis dieses eigenartigen Stückes von Europa für besonders wichtig halte.

Bis in den Juni hinein erstreckt sich der Frühling mit seinem Reichtum an Blüten, mit seinem fröhlichen Vogelleben, mit der stürmischen Entwicklung der Insektenwelt. Überwältigend ist in dieser Zeit die Energieproduktion des Lebens im ganzen Land. Nur im Hochgebirge fängt der Frühling später an und hält länger aus. Wenn im Flachland und in den Tälern schon die Sommerdürre herrscht, kann man ins Gebirge in den Frühling hineinsteigen.

Abb. 250. Mazedonisches Bauernhaus mit trocknenden Tabaksblättern.

Ende Juni, Anfang Juli beginnt unten das große Sterben. Die einjährigen Pflanzen, deren Blütenpracht den Frühling so reizvoll machte, haben ihre Samen gereift und können nun verdorren. Die Sonne beginnt, von Wolken unverhüllt, in ihrem Tageslauf unerbittlich auf das Land herabzustrahlen. Durch den Juli, August und September dehnen sich fast hundert wolkenlose Tage. Es ist die Zeit der hohen Tagestemperaturen. Mitte Juli steigt der exakt gemessene Thermometer regelmäßig am Nachmittag über 35° C, nicht selten auf 40° und darüber; und das dauert den August hindurch und vielfach ein gut Stück in den September hinein. Dabei sind die Morgentemperaturen schon um und über 30° und auch nachts sinkt das Thermometer selten tiefer. Und noch höher, oft ganz erheblich höher, waren die Strahlungstemperaturen, welche von den sonnendurchglühten Wänden der Häuser, den Felsen, den Lehmhalden ausgingen. Das war die Zeit, in der die deutschen Soldaten unter dem Land Mazedonien litten, in der sie ihm fluchten. Es wurde zum schattenlosen, staubigen Land, das sie mit der Wüste verglichen.

Tatsächlich nahm das Tiefland immer mehr den Charakter der verbrannten Steppe an. Die Blüten waren verschwunden, selbst die Büsche und Bäume hatten ihre Samen und Früchte angesetzt. Die Wiesen und Rasen verwelkten. Staub begann überall im Winde aufzuwirbeln und dämpfte das Grün, das in der Landschaft noch lebte.

Wenige Pflanzen blühten noch, wenige vor allem in voller Pracht, viele zeigten welke Blüten und Fruchtstände neben spärlichen Blüten, so der Rittersporn, die Glockenblumen, die Königskerzen und vor allem die Disteln, die sich jetzt vordrängten. Aber auch diese begannen gelb und braun zu werden. Viele der Pflanzen hatten dornige, stachelige Samen.