Auffallend still war es im Frühsommer in der gelbgrauen Landschaft geworden. Die Gesänge der Vögel waren verstummt, nachdem für die meisten von ihnen die Paarungs- und Brutzeit vorbei war. Vor allem zur heißen Mittagszeit war nichts von ihnen zu bemerken; sie hatten sich in den Büschen versteckt. Viele waren in die Schluchten und Haine der Berghänge verzogen, ja manche Arten waren vollkommen verschwunden und waren in die Berge gewandert.

Selbst die sonnenliebenden Eidechsen sah man jetzt nicht mehr so viel auf den glühend heißen Steinen umherhuschen. Auch bei ihnen waren die Weibchen beim Eierlegen und ihre Beute war kärglicher geworden. Die Insekten waren viel weniger geworden; bei vielen Tagschmetterlingen war die erste Generation verschwunden und von der zweiten fraßen die Raupen an den Futterpflanzen. Auch für viele solitäre Bienen galt ähnliches. Vor allem fehlte die Masse der Blütenkäfer, die mit den anderen Blüteninsekten, den Wanzen, den Blattwespen, den Fliegenarten so sehr zum Reichtum der Frühlingstierwelt beigetragen hatten.

Eigenartig war die Ruhe, die in der Natur in den heißen Mittagsstunden herrschte. Zwar lagen die Mauereidechsen und die schönen großen Smaragdeidechsen träg in der Sonne. Aber auch sie hatten wenig Neigung sich zu bewegen. Schon Theokrit wußte, daß die Eidechsen um diese Zeit hier im Lande mittags schlafen. Nur die Mistkäfer wälzten unbekümmert ihre Kotkugeln. Die Vögel waren ganz still, selbst die Ameisen wanderten kaum auf ihren Straßen und hielten Mittagsruhe.

Auffallend war die Flucht vieler Tiere in den Schatten. In Hainen und vor allem in kleinen Bergwäldern, so in dem Buchenwald der Plaguša Planina, waren ganze Versammlungen von Vögeln in das grüne Düster unter den Bäumen geflüchtet. Selbst Tagschmetterlinge waren aus der grellen Sonne gewichen und saßen in Scharen auf den Buchenstämmen, so verschiedene Satyrus-Arten. Verständlicher war es, daß die tagfliegenden Eulen (Arctiiden) den Waldschatten aufgesucht hatten.

In den Schluchten versammelten sich in der Wassernähe vor allem viele Amphibien, welche dem Wasser dorthin nachgezogen waren. Nicht nur Frösche, sondern auch Kröten fand man dort in dieser Zeit in ungewohnten Mengen. Hier fanden sie wenigstens einen Hauch von Feuchtigkeit unter Steinen und in Felsspalten. Dorthin zogen sie sich zurück, als die steigende Dürre die Bäche mehr und mehr austrocknete. Dann hielten die Amphibien, Molche und Frösche, ihre Sommerruhe in diesen Verstecken. Dort gesellten sich zu ihnen die Krebse und Taschenkrebse, die auch eine Ruhezeit durchmachen mußten. Besonders auffällig war dies bei den Bachfischen, z. B. den Barben, die, im Schlamm vergraben, in einen Sommerschlaf versanken. Fische, Krebse und andere Wassertiere fand ich auch öfters tot in den ausgetrockneten Bachbetten liegen, wo die Verdunstung des Wassers sie liegen gelassen hatte. So fand ich z. B. am 30. Juli in verschiedenen trockenen Schluchten Süßwasserkrabben tot umherliegend. Eine Sommerruhe war ganz allgemein bei den Landschnecken. Diese hatten alle, besonders die Helix-Arten, in dieser Zeit sich in ihre Häuser zurückgezogen und diese mit einem dicken Kalkdeckel verschlossen. Vielfach hingen sie, mit Schleim angeklebt, an den verdorrten Stengeln der Pflanzen, mit denen gleichzeitig die Dürre sie überrascht hatte. Und das konnte auch schon im Mai passieren, wenn plötzlich trockene Hitze einsetzte.

Nacktschnecken gab es in Mazedonien ja nur sehr wenig. Die Exemplare weniger Arten, die ich im Lande auffand, waren stets unter Steinen, in Erdlöchern, in der Nähe von Brunnen oder Quellen in feuchtem Boden entdeckt worden.

Alle diese Tiere, wie auch die vielen kleinen Geschöpfe der Tümpel, welche in Zysten oder anderen Dauerzuständen zu übersommern vermochten, erwarteten so, ihres Lebens wenigstens sicher, die ersten ergiebigen Herbstregen. Die waren nicht vor Ende September zu erwarten. Im Jahre 1917 erlebte ich den ersten Herbstregen am 10. September; aber er und seine Nachfolger in den nächsten Wochen waren noch nicht fähig die Erde zu nässen. Obwohl sie aus schwarzen Wolken kamen, erreichten ihre Tropfen die dürstende Erde nicht, sondern waren verdunstet, lange ehe sie den Boden erreichen konnten.

Trotzdem war die Sommerlandschaft Mazedoniens nicht ganz frei von Tieren. Im Gegenteil, im Juli schon mehrten sich die Vertreter einer neuen Sommertierwelt. Schon im Juni waren manche Heuschrecken-Arten in geflügeltem Zustande aufgetreten. Ich vergesse natürlich nicht, daß einzelne überwinterte Formen schon vorher da waren. Unendlich war vorher die Masse der kleinen und kleinsten Larvenstadien gewesen. Für die heranwachsenden Heuschrecken war die Pflanzennahrung, die ihnen die Sommerdürre zurückgelassen hatte, nicht zu hart. Sie begannen allmählich die Landschaft zu beherrschen.

Und mit ihnen und ihrer Zunahme begann die Steppe zu herrschen mit ihrer eigenartigen Tierwelt. Noch hatten manche Heuschrecken nur halblange Flügel, andere waren erwachsen. Gerade die südlichen Formen kamen in der Entwicklung nachgehinkt. Unendliche Mengen von langfühlerigen Laubheuschrecken (Locustiden) mit ihren schönen grünen, gelben und rötlichen Flügeldecken begannen im Gesang mit den Grillen zu wetteifern. An Zahl bei weitem überwiegend waren aber die Feldheuschrecken, die Acridiiden, die häufig durch die Färbung ihrer Flügeldecken so vollkommen ihrer Umgebung ähnelten, daß man sie erst entdeckte, als sie vor dem Schritt des Wanderers aufflogen, um ebenso zu verschwinden, sobald sie an geeignetem Ort sich niederließen.

Es ist hier die Gelegenheit auf die formenmannigfaltige Heuschreckenfauna von Mazedonien einen Blick zu werfen. Heuschrecken gehören zu Mazedonien, wie die Dornsträucher und Disteln, wie die Ameisenlöwen, wie die Turmfalken und Ziesel, wie Dohlen, Elstern, Würger und Geier. Und sie herrschten geradezu im Spätsommer in einer Steppengegend vor.