Die See wurde immer schwerer, die Wellen erreichten eine Höhe von fast zwei Metern. Selbst auf dem Meer hatte ich in kleinem gebrechlichen Boot selten etwas Derartiges erlebt. Schließlich wurde ich sogar seekrank, was mir selbst auf dem Meer unter ähnlichen Umständen nicht passiert war. Zu unserer Freude nahte jetzt unser Motorboot, das repariert worden war. Kaum hatte es, wie toll von den Wellen herumgeworfen, das Tau zu uns herüber geworfen und gerade angefangen uns nordwärts zu fahren, als neue Havarie eintrat. Der Motor versagte, die Leine verfing sich in die Schraube des Bootes, beide Boote taumelten hilflos auf den Wellen umher und stießen wiederholt heftig aneinander.
Die Situation wurde immer kritischer und trotzdem genoß ich den prachtvollen Anblick, als der Matrose des Motorbootes sich auszog und nackt sich ins Wasser stürzte, um zu tauchen und unter Wasser mit einem Messer die Leine aus der Schraube herauszuschneiden. Rot wie ein Krebs tauchte er aus dem indigoblauen Wasser empor. Ich zitterte für sein Leben; aber mit bewunderungswerter Gewandheit brachte er, was er wollte, fertig und stieg heftig atmend ins Boot zurück. Aber bei dem schweren Wogengang kam er nicht mit dem Motor zurecht.
Woge auf Woge brauste gegen uns heran, der Nordwind wurde immer stärker. Der Abend sank hernieder. Leuchtend hoben sich die Wogenkämme von dem schwarzblauen Wasser ab. Rot lag der Abendschein auf den Hängen des Tomoros und seinen Kalkfelsen. So weit waren wir nach Süden getrieben und schon weit hinter den feindlichen Linien. Schon berieten wir, der mich begleitende Husarenleutnant und meine Matrosen, wie wir wohl ans Land kommen und uns durch die feindlichen Linien in der Nacht hindurchschleichen könnten.
Da nahte ein kritischer Augenblick; wir hörten einen Motor arbeiten; aus dem Dunst tauchte ein Patrouillenboot auf. War es feindlich? Sie hielten uns jedenfalls für Feinde; denn sie machten ihre Maschinengewehre klar. Da im letzten Moment erkannte der österreichische Oberleutnant, der das Patrouillenboot führte, mich und sein Boot, das er mir am Morgen geliehen hatte. Wir waren gerettet. Das starke Motorboot nahm uns ins Schlepptau und nun ging es in sausender Fahrt nordwärts gegen den Wind und die Wellen auf Ochrida los. Der Nordwind brauste uns um die Ohren, der Gischt spritzte über uns und unser ganzes Boot. Als wir in Ochrida anlangten und unsere Ausbeute nebst den Instrumenten heil an Land brachten, wartete eine vielhundertköpfige Menge am Kai auf das „erbeutete feindliche Boot‟. Soldaten und Zivilisten waren sehr enttäuscht, daß es nur Gelehrte waren, die da eingebracht wurden. Unsere Fahrt hinter die feindliche Front bildete eine Zeitlang das Armeegespräch an der westlichen Front in Mazedonien.
Eine Reihe harmloserer Fahrten brachten mir und im nächsten Jahr Dr. Nachtsheim die erwünschten Aufschlüsse über das Plankton des Ochridasees. Es erwies sich als viel ärmer an pflanzlichen Bestandteilen als dasjenige des Doiran- und Prespasees. Das hing wohl mit der größeren Tiefe des Sees zusammen.
Das tierische Plankton war dagegen außerordentlich reich. Vor allem in größeren Tiefen enthielt es ein Gewimmel von kleinen Krebsen aus den Gruppen der Copepoden und Daphniden. Dazu kamen große Massen von Muschellarven, wohl Glochidien der im See so häufigen Dreissensia. Die Copepoden gehörten zu den Arten Cyclops strenuus und Diaptomus Steindachneri und D. vulgaris. Von Daphniden sind es Bosminen, Arten von Scapholeberis u. dgl. Leptodora, welche im Doiran- und Prespasee häufig vorkam, vermißten wir im Ochridasee.
Von Interesse ist die Tatsache, daß zu der Zeit, in der die Seeforellen in der Tiefe sich aufhielten und dort von den Fischern gefangen wurden, in diesen Tiefen die großen Massen von Planktontieren lebten. So fanden denn die Fische dort ihren gedeckten Tisch, ihre reichen Weidegründe. Die Magenuntersuchung bewies, daß tatsächlich das Plankton zu dieser Zeit ihre Hauptnahrung ist. So zeigt also ihre Verbreitung in den verschiedenen Tiefen des Sees ähnliche Gesetzmäßigkeiten wie sie z. B. für die Fische des Bodensees, besonders für die Felchen nachgewiesen worden sind.
VIERZIGSTES KAPITEL
ENDE DES FELDZUGES UND DER FORSCHUNGSARBEITEN IN MAZEDONIEN
Im August 1918 hatte ich, durch persönliche Verhältnisse gezwungen und ermüdet durch 7 Monate intensiver und strapazenreicher Arbeit, für einige Wochen nach Deutschland zurückkehren müssen. Im September war ich, gut ausgerüstet für neue große Unternehmungen, auf der Rückreise zu meinem Standquartier in Üsküb. Unglücksschwangere Nachrichten hatten mich schon unterwegs erreicht. Der Sommer war ja schon von bösen Ahnungen erfüllt gewesen. Aber noch hoffte ich, daß es gelingen würde zu meiner Arbeitsstätte zu gelangen und weiter arbeiten zu können.