Die Gegend von Dedeli und Valandova ist durch ihre starken Quellen berühmt. In friedlichen Zeiten muß dies Gebiet ein fruchtbares Land fast ohne gleichen gewesen sein, und muß es in Zukunft wieder werden. Valandova war für die Versorgung der Truppen in der Gegend der wichtigste Markt. Hier konnte man vielerlei Gemüse einkaufen, Bohnen, Erbsen, Tomaten, Lauch, Zwiebeln und Kohl gediehen üppig auf den gut bewässerten Feldern und in den Gärten.
Der Sommer brachte alle Melonenarten, jetzt gerade reiften die Kirschen, Pfirsich, Aprikosen-, Äpfel- und Birnbäume hatten reichlich Früchte angesetzt. Zwischen den Getreidefeldern waren weite Strecken mit Mohn bepflanzt und die unendlichen Maulbeerhaine verrieten, daß dieser Teil des Wardartales, vor allem Valandova und Piravo in Friedenszeiten ein Zentrum der Zucht des Seidenspinners waren, von dem die Fabriken im nicht fernen Gewgeli einen großen Teil ihres Bedarfs bezogen. Jetzt noch sah man in einzelnen Häusern die hier ziemlich primitive Kultur des Seidenwurmes betreiben. Im Tal gab es sogar einige mit Baumwollstauden bepflanzte Gebiete, eine der wenigen Stellen in Europa, wo dies wichtige Gewächs, der Reichtum der Südstaaten von Nordamerika und von Ägypten, gezogen wird.
Abb. 39. Der heilige Hain bei Valandova.
Während wir uns von diesen Dingen erzählten, erquickte uns der Schatten des Platanenhains und vor allem die mächtige Wasserader, welche aus dieser Quelle des Reichtums der Gegend floß. Eine Gruppe von 4-5 riesigen uralten Platanen war an einen senkrecht abfallenden grauen Felsen angelehnt, aus welchem eine Quelle über einen Meter breit einen Wasserstrahl aus seinem Innern herausschoß, der sofort als stattlicher Bach sich in die Schlucht stürzte, die er sich selbst im Laufe der Jahrhunderte gegraben hatte.
Als wir herannahten, erschien uns der Hain mit seiner rauschenden Quelle wahrhaft wie ein segenbringendes Heiligtum. Seit die Wolken sich oben im Gebirge zerteilt hatten, hatte kein Schatten uns mehr berührt. Schwarz standen die Kronen der Bäume über der glühenden Landschaft, als wir den Berg, meist stark mit unserer wissenschaftlichen Ausbeute belastet, hinabkeuchten. Schwarz erschienen die knorrigen, meterdicken Stämme der Platanen; fast war es, als träten wir in ein dunkles, kühles Gewölbe ein, als wir den Rand des Schattens erreichten.
Abb. 40. Blick aus dem heiligen Hain bei Valandova auf Dedeli und den Furkapaß.
Er brachte uns bald Kühlung und Erfrischung, dieser heilige Hain mit seiner Quelle. Bald erholten sich die Augen von der Blendung des Sonnenlichtes und man begann die Schönheit des Ortes ganz aufzunehmen. Graugrün erschienen jetzt die Stämme der Bäume, wie mächtige Säulen das Blättergewölbe stützend, das sich über uns zusammenfügte. Auf den gelbgrauen Felsen kletterten Ziegen. Am kaum entstandenen Bach wuschen Frauen im klaren Wasser.
Und vor uns öffnete sich ein lieblicher Blick über das Tal und die fernen Berge, wie von einem köstlichen Rahmen umschlossen durch die Stämme der Platanen und die zierlichen Formen ihrer im Abendhimmel schwebenden Blätter.