DAS NIKOLATAL

Am Morgen des 1. Juni brauste ein Kraftwagen vor der Türe meines Laboratoriums an und mit ähnlichem Gebrause drang ein kleiner, ältlicher, lebhafter Mann in mein Zimmer ein. Er stellte sich als Hauptmann Jungmann vor: er habe gehört, ein Naturforscher sei hier angelangt, das interessiere ihn brennend, ob er mir etwas nützen könne, er sei begeisterter Naturfreund. Hier im Lande könne und müsse etwas geschehen.

Dieser Mann hat in der Folge mir und der Erforschung von Mazedonien viel genützt. Mit seinem impulsiven Temperament brachte er Dinge zur Erfüllung, an welchen andere sich lange herumquälten; um ihn herrschte stets Bewegung und Leben. Er war Nürnberger Fabrikant, tat hier im fernen Land seinen Kriegsdienst als Hauptmann und Kommandeur eines Arbeiterbataillons und suchte seine Zeit durch Vertiefung in die Kenntnis des Landes und durch hilfreiche Unterstützung aller Forscher nutzbar anzuwenden. Ich habe viel von ihm gehabt und werde in diesem Buch seinen Namen oft zu erwähnen haben.

Am 1. Juni lud er mich sofort in sein Auto und fuhr mich am Wardar entlang in ein schönes Tal, in dem es viele Käfer und andere Insekten gäbe, wo ein richtiger Wald vorhanden sei und eine unendliche Blütenfülle prange und dufte. Er hatte mir nicht zu viel versprochen; das Nikolatal erwies sich als eine zoologische Fundgrube. Es wurde eine der Stätten, welche ich in allen Jahreszeiten regelmäßig besuchte, und in welchem ich eine Reihe interessanter Beobachtungen machen durfte.

Jetzt fuhr er mich in flottem Tempo den Wardar aufwärts, an dessen rechtem Ufer auf der Straße, welche er im Jahre vorher mit seinem Bataillon gebaut hatte. Hohe mit Buschwald bewachsene Berge faßten das malerische Tal ein, in welchem der hochgeschwollene Wardar seine gelben Fluten majestätisch daher wälzte. Die Wände des Tales zeigten die charakteristischen Erosionswirkungen; zahlreiche Seitentäler führten brausende Bäche zum Fluß. Die Hügel waren von Buschwald bewachsen, aus dem jetzt in der schönsten Zeit des Jahres viele bunte Blumen herausleuchteten.

Stattliche Pappeln standen hie und da am Ufer, alte knorrige Weiden und Platanen beugten ihre Äste über das Wasser. Die Straße stieg bald steil über dem Fluß empor, um dann sich wieder fast zu seinem Spiegel zu senken. Eine Bucht in der Talwand öffnete sich nach rechts, durch einen seichten, an der Mündung verbreiterten Bach bogen wir in das Nikolatal ein. Es war zur Zeit ein wasserreiches, grünes, reich bewachsenes Tal. Längs der Talsohle standen zahlreiche mächtige Platanen; aber ihre weißgrauen Stämme waren zumeist grausam verstümmelt. Hier hatten die bulgarischen Soldaten auf der Holzsuche bös gehaust. Die großen Äste waren meist abgesägt und die uralten Stämme standen traurig da, hohl und vielfach im Innern ausgebrannt. Fledermäuse flatterten auf, wenn wir an die Stämme klopften.

Abb. 43. Aussicht ins Wardartal von Nikola gegen Gradec.

Steil stiegen zu beiden Seiten die dicht bewachsenen Berghänge hinan, von Schluchten zerrissen, in der Höhe zum Teil von Felsen überragt. Große Eichen und Eschen bildeten einen beträchtlichen Teil des Bestandes. An freieren Stellen erhoben sich viele meterhohe Sträucher von Buchsbaum. Trotz der intensiven Ausbeutung durch Deutsche und Bulgaren dehnten sich noch üppige Baumbestände die Hänge hinan. Wo die Stämme schwer wegzuschaffen waren, da hatten die Bäume sich erhalten. Und wirklich, wie der Hauptmann mir versichert hatte, eine reiche Tierwelt belebte das Tal, kaum berührt von menschlicher Kultur.

Schon der kurze Ausflug dieses Tages brachte eine Anzahl interessante Beobachtungen. Und schon am 12. Juni wiederholte ich den Besuch im Nikolatal, diesmal gut ausgerüstet und auf längeren Aufenthalt vorbereitet. Ein schwerer, bremsenloser Bauernwagen fuhr uns die Wardarstraße zum Taleingang. Die Fahrt war nicht so gefahrlos, wie neulich die Beförderung im Auto. Auch war sie zeitraubender. Denn ich mit meinen vier Begleitern mußten uns jedesmal, wenn es bergab ging, mit allen Kräften an den Hinterteil des bremsenlosen Wagens hängen, damit er uns nicht mit den Pferden in den Wardar rutschte.