Aber schließlich kamen wir gut in das Nikolatal und fuhren dort aufwärts bis zu einer frischen Quelle mit kalkhaltigem Wasser, auf welche mich beim ersten Besuch schon Hauptmann Jungmann aufmerksam gemacht hatte. Hier wurden die Pferde ausgespannt und auf die Weide geführt, einer der Burschen erhielt den Auftrag die Zelte aufzuschlagen und das Lager zu bewachen, während ich mit zwei Begleitern mich aufmachte, um die Berge und die Fortsetzung des Tales zu durchforschen.
Auf den Karten ist südlich vom Ausgang des Tales ein Kloster Sv. Nikola verzeichnet, welches wir schon beim ersten Besuch vergeblich gesucht hatten. Auch diesmal fanden wir keinen Stein von ihm. Aber als Anzeichen früherer stärkerer Besiedlung des Tales durfte ich wohl die zahlreichen Nußbäume deuten, die in großen Mengen an den Hängen wuchsen. Allerdings die mächtigsten und prachtvollsten unter ihnen hatte Hauptmann Jungmann auf dem Gewissen, dessen Bataillon sie für die deutschen Gewehrfabriken gefällt hatte. Nicht minder als diese, deuteten auf frühere menschliche Bewohner die vielen Reben, welche über die Bäume und Büsche rankten und hier ein verwildertes Dasein führten. Es ist ja wohl noch fraglich, ob der edle Wein auf dem Balkan ursprünglich als Wildpflanze vorkommt.
Zunächst wollte ich die Wälder besuchen; denn solche hatte ich bis dahin außer im Gebirge in größeren Höhen noch nicht in Mazedonien angetroffen. Es war keine leichte Arbeit hier zu ihnen zu gelangen. Der Abhang war mit kantigem Geröll bedeckt, in welchem das Klettern sehr mühsam war. Dazwischen war ein dichtes Dorngebüsch aufgeschossen, durch welches man nur mit viel Zeit und Arbeit hindurchdringen konnte. Brombeeren und Himbeeren, auch Schlehdorn standen zwischen Judendorn und einer Menge anderer stachlicher Sträucher.
So war ich schon schweißbedeckt und ermüdet, als ich an den Rand des Waldes gelangte. Der war nun nicht sehr reizvoll. Der Boden war trocken, steinig und entbehrte fast ganz des Wachstums von Niederholz oder Kräutern. Knorrige Wurzeln durchzogen nach allen Seiten die Furchen und Spalten, von denen er stark zerklüftet war. Umso eigenartiger war die Zusammensetzung des Gehölzes. Neben schönen hochstämmigen Eichen bestand er am unteren Rand aus Haselnußbäumen. Es waren wirkliche starke Bäume mit knorrigen Stämmen und starken Ästen. Sie hatten dieselbe streifige, braune Rinde und hatten ganz ähnliche Nüsse angesetzt wie unsere Haselsträucher. Es war der türkische Haselbaum (Corylus colurna L.). Weiter nach oben zog sich ein stattlicher Wald von Silberlinden hin. Die Silberlinde ist ein sehr charakteristischer Waldbaum des Balkans (Tilia tomentosa Monsch). Hier oben konnten wir eine lange Strecke in ihrem Schatten wandern; aber auch hier war es kein behagliches Gehen, sondern mehr ein Klettern.
Abb. 44. Melanargia larissa vic. taurica.
Reizvoller bot sich der Wald der Silberlinden aus der Ferne dar. Am Nachmittag sahen wir ihn von den Nordbergen über das Tal im Schein der tieferstehenden Sonne zu uns herüberblinken. Besonders schön erschien er mir, wenn der Wind über die Lindenkronen strich und nun Licht- und Schattenwellen über die Oberfläche des Waldes hinzogen und den feinen Silberglanz der Blätter aufblinken ließen.
Am Kamm der Berge war der dichte Wald von Waldwiesen unterbrochen; goldener Sonnenschein lag auf diesen Lichtungen, die sich immer wieder im Dickicht verloren. Auf ihnen wuchsen Salbei (Salvia sclarea L.), eine Form mit violetten Hochblättern und sonstige Lippenblütler, Wicken und andere farbige Blumen, welche zahlreiche Insekten anlockten. Hier flog in großen Mengen ein schwarz-weißer Schmetterling, verwandt mit unserem Dambrett aus der Gattung Melanargia (Melanargia larissa, ähnlich der kleinen asiatischen taurica). Viele Bienen summten umher, Fliegen und Käfer gab es in Mengen, von letzteren hauptsächlich Bockkäfer und große silbergraue Rüsselkäfer. Unter ersteren war Argalia punctata L., ein silberiger Käfer mit dunklen Flecken, Agapanthia cynare Germ., ein olivgrüner Bock mit gestreifter Brust und weiß-schwarz geringelten Fühlern besonders auffällig, ferner der große graue Morimus funereus Muls. mit seinen vier schwarzen Flügelflecken. Auch ein großer Hirschkäfer (Lucanus cervus turcicus Sturm) fand sich hier.
Abb. 45. Bockkäfer Argalia punctata L. Kaluckova. Nat. Gr.