IM WARDARTAL.
FRÜHLING IN MAZEDONIEN.
In den ersten Tagen des Monats Mai 1917 trug mich der Balkanzug südwärts durch das Moravatal Mazedonien entgegen und damit nahte für mich die Erfüllung eines Herzenswunsches. Ich durfte meine eigene Wissenschaft, meine Arbeitskraft in den Dienst meines Vaterlandes stellen! Als Naturforscher wurde ich von der deutschen Heeresgruppe nach Mazedonien gerufen, um dort ihre Zwecke durch Forschungen in meinen Arbeitsgebieten zu fördern.
Ein kurzer Aufenthalt in Nisch, der alten Hauptstadt Serbiens, führte mich in die Kreise der Etappeninspektion XI ein, deren Kommandeur, Generalleutnant von Krane mich als frischer Soldat mit starkem Interesse und vollem Verständnis für meine Absichten empfing. In seinem Stab traf ich mit Generaloberarzt Ludolf Brauer, dem beratenden inneren Kliniker der Heeresgruppe, dem Direktor des Eppendorfer Krankenhauses in Hamburg, zusammen. Er war der Geschäftsführer der neu begründeten Mazedonischen Landeskundlichen Kommission beim Oberkommando Scholtz; ich war als eines der ersten Mitglieder auf dem Kriegsschauplatz erschienen und beriet sofort die Organisation unserer Kommission mit ihm. Ich erfuhr, daß ich in voller Freiheit meine Pläne durchführen könne und daß mir nur der Wunsch ausgesprochen würde, ich möge mich durch Forschungen auf zoologischem Gebiet auch an der Bekämpfung der für unser Heer so gefährlichen Seuchen beteiligen.
Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen, über Üsküb ins südliche Wardartal zu reisen und mir dort in der für meine Forschungen geeignetsten Gegend als Gast des deutschen Heeres ein Standquartier auszusuchen. Überall, wo ich mit Heeresstellen in Berührung kam, fühlte ich Verständnis und Entgegenkommen heraus, und machte mich mutig auf den Weg.
Schon von Nordserbien aus war es deutsche Militär-Eisenbahn, der ich mit meiner wissenschaftlichen Ausrüstung anvertraut war. Die Militär-Eisenbahn-Direktion 7 mit ihrem so pünktlichen und sicheren Verkehr habe ich bei den Reisen der nächsten zwei Jahre bis zum traurigen Abschied von Mazedonien stets gesegnet. Aber jetzt bei der Ausreise südwärts schien nicht alles von vornherein sicher und glatt vor sich gehen zu sollen. Serbische Banden waren tags vorher bei Ristowac aufgetaucht, gut bewaffnet und von serbischen Offizieren geführt. Sie hatten die Eisenbahnbrücke zerstört und es hatte an der Eisenbahnstation ein regelrechtes Gefecht stattgefunden, welches von dem alten, begeisterten deutschen Bahnhofskommandanten siegreich geführt worden war. Die Serben hatten 20 Mann und einen Offizier von ihren etwa 300 Mann tot am Platze gelassen, während auf unserer Seite auch 11 Bulgaren und 5 Deutsche gefallen waren. So wurde mir denn gleich zum Bewußtsein gebracht, daß meine Tätigkeit auf einem Kriegsschauplatz sich vollziehen sollte.
Als ich in Ristowac ankam, war die Brücke schon wiederhergestellt, wir konnten glatt durchfahren. In den Bergen brannten mehrere Dörfer als Folgeerscheinung einer bulgarischen Strafexpedition, bei der ein ganzes Armeekorps gegen die ziemlich zahlreichen serbischen Banden aufgestellt war. Es war eine von unseren Gegnern von Saloniki aus eingeleitete Aufstandsbewegung größeren Stils, welche zeitweise sogar Nisch bedrohte, von den Bulgaren aber blutig unterdrückt wurde. Im Eisenbahnzug hörte ich von den deutschen Offizieren schon mancherlei Bemerkungen über die grausame Kriegführung der Bulgaren.
Die Reise ging aber durch die Ereignisse unbehindert weiter. Ich kam auch im Angesicht der reizvollen Landschaft nicht dazu, mich über die militärischen und politischen Angelegenheiten weiter zu unterrichten. Die Bahn fährt das Moravatal hinauf. Der Fluß führte damals reichlich durch Regengüsse gelbbraun gefärbtes Wasser. In vielen Windungen laufen Fluß und Bahn durch ein sehr reizvolles Tal, dessen Wände von Bergen mittlerer Höhe gebildet sind. Die ausgedehnten Buchenwälder standen in sommerlicher Pracht; die Felder waren gut bepflanzt, das Getreide schon hoch, Weißdorn blühte, die Obstbäume waren schon abgewelkt, in Sümpfen standen gelbe Schwertlilien. Im ganzen erinnerte die Landschaft an sommerliches Mitteldeutschland, etwa an Thüringer Flußtäler.
Der Fluß wurde kleiner, die Landschaft immer sommerlicher, höhere Bergketten traten im Süden auf, zum Teil noch mit Schnee bedeckt. Schließlich verließ die Bahn das Moravatal, überschritt die Wasserscheide und trat in der Nähe von Kumanovo in das mazedonische Gebiet ein, was sich in dem ganzen Charakter der Landschaft kundgab. Die Berge waren zurückgetreten, eine weite Ebene breitete sich aus. Wald fehlte hier, während die Felder schon einen vorgeschrittenen Zustand aufwiesen, Gerste und Roggen standen mit fertigen Ähren, einzelne blühende Mohnfelder verrieten den südlicheren Charakter des Landes.
Weite Getreideäcker, Obsthaine und Dörfer mit Lehmhütten füllten die Ebene, die der Zug durchfuhr, um die Stadt Üsküb, slawisch Skopje genannt, zu erreichen. Bei der Einfahrt überraschte der Wardar als breiter Fluß, Minarets, Moscheen und die hochragende Zitadelle gaben der Stadt ein orientalisches Gepräge. Das malerische Bild der Gebäude wurde sehr gehoben durch die Menge stattlicher Pappeln, die sich hinter den Häusermassen erhoben; rings um die Stadt ziehen sich Ketten von schöngeformten Gebirgen, von denen einige jetzt Mitte Mai noch tief beschneit waren. Vor ihnen dehnt sich eine hügelige Ebene voll reicher Pflanzungen aus.