Von dem bunten orientalischen Leben Üskübs, von dem ich in einem späteren Kapitel erzählen werde, riß ich mich bald los, um zu meinem Standquartier zu gelangen, in welchem ich mich für mehrere Wochen niederlassen wollte. Zu diesem Zweck reiste ich wardarabwärts mit der Bahn nach Süden. Diese bleibt immer nahe am Wardar, so daß man bei der Fahrt einen guten Überblick über dessen Lauf gewinnt. Sie führt zuerst durch das weite Becken von Üsküb, in welches der Wardar von Westen eintritt, nachdem seine Wassermasse durch den Zufluß der Treska ganz erheblich vermehrt wurde. Etwa bei Selenikovo tritt der Fluß in die Enge von Veles, die sich bis Krivolac hinzieht. Hier fließt der Wardar durch eine wechselvolle Landschaft mit vielen malerischen Schönheiten. Prachtvolle enge Schluchten mit steilen Felswänden wechseln mit breiteren Talstellen, in denen ein oft üppiger Baumwuchs absticht von der Öde und Kahlheit, die sonst für den vom Norden kommenden Reisenden das auffallendste Merkmal Mazedoniens zu sein scheint. Im Westen sieht man hohe Berge aufragen, auch diese (jetzt Mitte Mai) noch tief im Schnee. Damals schon faßte mich die Sehnsucht, diese wie Alpen sich darstellenden Gebirge zu erforschen, ein Wunsch, den das nächste Jahr mir erfüllen sollte. Auch die eigenartige Pflanzenwelt der Talwände lockte schon bei der Durchreise zum Aussteigen. Ich werde von ihr später mancherlei zu erzählen haben.
Kurz vor Veles erweitert sich das Tal und gestattet wieder Ausblicke westwärts auf die Gebirge, über welche die Pässe gegen Prilep und Monastir führen. Schon dicht bei der Stadt Veles wird das Flußbett des Wardar wieder fast zur engen Klamm. Die Stadt klettert in malerischer Schönheit die Felsenhänge hinan; enge Gassen münden in die Seitenschluchten, Minarets erheben sich über die roten Ziegeldächer der untereinander sehr gleichartigen Häuser, in Felsspalten erscheinen weiße Klöster eingebaut. Von all diesen Steinmassen der Berge und Häuser strahlt pralle Hitze ins Tal und läßt auf den kahlen Felsen keine Pflanzenwelt aufkommen. Im Fluß drehen sich schlanke Räder, welche Wasser zur Bewässerung der Felder in die Höhe schöpfen.
Bis Krivolac, wo die Bulgaren den Franzosen im Jahre 1916 eine ordentliche Niederlage beigebracht haben, fährt der Zug vielfach an kahlen Bergen entlang, die einen öden, menschenleeren Eindruck machen. Gradsko, das riesige Lager mit seinen Magazinen, Baracken und Zelten, von Staubwolken verdüstert, machte keinen freundlichen Eindruck.
Am Bahndamm sah man schon in Serbien, wie jetzt an der ganzen Strecke bulgarische Soldaten als Bahnbewachung. Kleine elende Häuschen aus Lehm und Stroh waren von Stacheldraht und seichten Gräben umgeben, die gegen einen Bandenüberfall wohl nur ein mäßiger Schutz gewesen wären. Die bulgarischen Landsturmsoldaten in ihren zerrissenen, schmutzigen Uniformen waren zunächst nicht geeignet, einen günstigen Eindruck von ihrem Volke zu erwecken.
Südlich von Krivolac durchläuft die Eisenbahn mit dem Wardar ein weites Becken, welches von einem Kranze kahler Berge eingeschlossen ist. Nur in weiter Ferne sieht man im Südwesten die schönen Formen schneebedeckter Berge hervorragen. Die näher liegenden Berge zeigen an ihren Hängen alle Zeichen einer weitgehenden Erosion. Steile Abstürze mit den scharfen Schatten der vom Regenwasser gerissenen Schluchten strahlten im Scheine der Nachmittagssonne in den stärksten Farben: ziegelrote, orangegelbe und violette neben braunen und weißen Hängen. Ein geradezu phantastisches Bild: bizarre Formen und eigenartige grelle Farben. Das waren ganz ungewohnte Landschaftsbilder, die mich an Gegenden erinnerten, wie ich sie in Mexiko und am Roten Meer gesehen hatte.
Vor den Bergen dehnte sich eine gutbebaute Ebene aus, deren Gerstenfelder schon leise gelblich zu schimmern begannen; die zahlreichen Mohnpflanzungen waren im Verblühen, an manchen Stellen waren die Kapseln schon gut entwickelt.
Zug und Landstraße gingen direkt auf steile hohe Felsenwände zu; das tat auch der Wardar, der sich in diese Felsen eine steilwandige mächtige Schlucht gegraben hat. Es ist Demir-Kapu, das Eiserne Tor von Mazedonien. Durch gelbrote Wände hat der Fluß sich gearbeitet, die so steil aus seinem Wasser aufragen, daß Straße und Bahn nur durch Tunnels hier an ihm vorbeigeführt werden können. Wir werden diese eigenartige, grandiose Landschaft des Wardardurchbruchs später noch genauer kennen lernen.
Abb. 1. Blick von den Felsen von Demir-Kapu über die Steppe von Krivolac.
Einige hundert Meter ist diese Flußwildnis lang; hinter ihr treten die Berge nicht stark zurück und zeigen immer noch schöne wildzerissene Steilwände. Täler münden von beiden Seiten ein, die zum Teil in schön bewaldete Mittelgebirge führen. Hier durfte ich als Naturforscher interessante Beobachtungen erwarten. Aber schnell führte mich der Zug jetzt an diesen Tälern vorbei, an Dörfern, die im Schatten von Obstbäumen und Pappeln friedlich lagen, an mächtigen Schotterbänken entlang, welche die Bäche aus den Seitentälern zum Wardar geschwemmt hatten und die von der Wucht der in diesem Gebiet herrschenden Naturkräfte zeugten.