Abb. 2. Demir-Kapu, Eisernes Tor Mazedoniens. Wardardurchbruch von Norden.
In der Ferne sah man das Tal in eine weite Ebene ausmünden, die im Süden sich wieder zu einem Bergpaß schloß. Es war die Ebene von Hudova, die mich jetzt für einige Monate beherbergen sollte. Wir liefen in den Bahnhof von Hudova ein den ein ungeheures Barackenlager umgab. Dies war das letzte große Etappenlager vor der Front gegen Saloniki. Etwa 100 km von Hudova aus gegen Süden und Südosten erstreckt sich noch das Wardartal, bis der Fluß westlich Saloniki ins Ägäische Meer mündet. An die Ebene von Hudova schließt sich noch ein Schluchtgebiet des Wardar an, hier von weniger stattlichen Bergen eingeschlossen. In Friedenszeiten wäre die Bahn bis Saloniki durchgelaufen. Jetzt fand sie in Miletkovo ihren Abschluß; etwas weiter flußabwärts lagen Negorci und Gewgeli; etwa 15 Kilometer südlich dieser Stadt verlief die feindliche Front, welche meiner Forschungsarbeit eine durchaus nicht natürliche Grenze setzte.
An jenem Maiabend stieg ich aber in Hudova aus dem Zug; Wagen mit Soldaten holten mich und mein Gepäck ab. Nach wenigen Minuten rollten sie durch mächtige Staubwolken ein Stück südwärts, um dann nach Osten scharf um die Ecke zu biegen, der östlichen Talwand entgegen. Den Staub von Hudova sollte ich in dem nahenden Sommer noch zur Genüge kennen lernen. Jetzt kamen wir bald an den Baracken der Etappenmagazine, an einer Feldwetterwache, einer Feldbäckerei und Fliegerlagern vorbei gegen eines der östlich in die Bergwand eindringenden Tälchen.
Abb. 3. Wardar oberhalb Hudova.
Vor uns dehnten sich im Tal von Hudova vor allem große Maulbeerpflanzungen aus; zwischen den Bäumen war Getreide gepflanzt. Die Maulbeeren waren zum Teil noch in Blüte. Unser Weg führte zwischen blühenden Rosen-, Brombeer- und Weißdornhecken und war so eng, die Hecken so dicht und üppig, daß bei der flotten Fahrt Zweige und Blüten den Pferden und mir ins Gesicht schlugen. Vom Wegrand dufteten die mannigfaltigsten Blüten, umsummt von einer Menge von Insekten. Vögel vieler Arten machten auf sie Jagd. Aus den dichten Gebüschen begann der Gesang zahlreicher Nachtigallen sich zu erheben, während allmählich der Abendsonnenschein sich durch das Tal ergoß und fern hinter mir auf dem Wardarfluß sich spiegelte. Noch weiter westlich grenzte ein in zarten Farben verschwimmendes Hochgebirge, dessen Gipfel noch breite Schneefelder trugen, in schönen dachsteinähnlichen Formen die Ferne ab.
Abb. 4. Blick nordwärts über den Wardar von der Kaiser-Wilhelms-Brücke bei Miletkovo. Hochwasser.
Vor mir im Osten, allmählich sich immer stattlicher erhebend, ragte ein eigenartig herbes Gebirge empor. Eine Bergkette von harten Umrißlinien, mit scharfen Kanten, die von den Gipfeln zu Tale liefen, von zahllosen Schluchten durchfurcht, steinig und dürr, baumlos, nur von Buschwerk an den Flanken bedeckt, so schien es, während ich im Abendschein mich ihm näherte, immer höher vor mir aufzusteigen. Die Beleuchtung ließ es fast wie Alpenberge erscheinen, obwohl es nicht viel über 1000 m sich erhob. Es war die Plaguša Planina, in deren Schutz ich nun mein Standquartier aufschlagen wollte. Auf deren Gipfeln und in ihren Schluchten wartete manches Erlebnis, manche wissenschaftliche Entdeckung auf mich.