Über dem weiten Geröll- und Sandbett eines ausgetrockneten Schluchtbaches rollte nun unser Wagen in das Tälchen ein, in dessen Südflanke in einer Mulde das Dorf Kaluckova lag.
Abb. 5. Blick südlich von der Kaiserwilhelmsbrücke bei Miletkovo. Gegen Gewgeli. Flußbett voll Geröll.
ZWEITES KAPITEL
KALUCKOVA UND DAS FORSCHERHAUS
Aus der Entfernung sah das Dörfchen Kaluckova malerisch und einladend aus. Eine größere Anzahl steinerner Häuser, die einen weiß getüncht, die andern aus dunkelen, rauh behauenen Felsstücken erbaut, lagen am Hügelrand. Die meisten Häuser waren am Südhang gelegen und kletterten ein gut Stück bergan und in die drei Schluchten hinein, die sich im Dorfe vereinigten. Vor dem Ort breitete sich ein breites Schotterfeld aus, weiße und gelbliche, abgerollte Steine, dazwischen viel Sand und Schlamm, das Ergebnis der Arbeit der drei Schluchtbäche, welche an den Abhängen der Plaguša Planina ihre Quellen hatten. Über diese breite, helle Talsohle, die jetzt ganz trocken lag, führte ein schmaler Steg zu einer kleinen Häusergruppe am Westhang des Tälchens. Vor diesen Häusern erhob sich eine riesenhafte, alte Platane, das Wahrzeichen von Kaluckova; sie war mehrere Meter dick, maß etwa 9 m im Umfang, war ausgehöhlt und breitete ihre Äste über einen großen Platz aus, den sie beschattete ([Abb. 7]). Hinter ihr ragte eine weiße Moschee mit einem Minaret in die Höhe, seitwärts von ihr stand ein helles, mehrstöckiges Haus, ehemals die Schule des Ortes; ihr schlossen sich noch einige wohlerhaltene Häuser und vor allem der einzige Bauernhof, der noch vollkommen erhalten war, an. Dies war eine Gruppe von Häusern, steil den Berg hinaufgebaut, ganz in Mauern eingeschlossen, wie eine Festung. Tomatenfelder und kleine Äcker schlossen am Talhang die bewohnte Region ab.
Abb. 6. Kaluckova mit Plaguša Planina in erhaltenem Zustand 1916.
Schaute man sich die Häuser auf der südlichen Talseite genauer an, so bemerkte man, daß die meisten von ihnen Ruinen waren. Sie hatten keine Dächer, Türen und Fenster waren herausgerissen und die Wände zerbröckelten. Ein trauriges Ergebnis des Krieges, wie es alle die Dörfer ringsum betroffen hatte. Es waren aber nicht etwa Kampfzerstörungen, die an diesen Dörfern vorübergegangen waren. Im Herbst 1916 waren die damals längst von unseren und den bulgarischen Truppen besetzten Dörfer noch gut instand gewesen ([Abb. 6]), wenn auch von den meisten Einwohnern verlassen. Im Winter hatten die Häuser als Holzquelle gedient. Vor allem die bulgarischen Soldaten der benachbarten Lager hatten sich die Dachbalken, die Fensterrahmen, die Türen als Brennmaterial geholt und auch unsere Soldaten hatten sich an diesen Zerstörungen beteiligt. In dem holzarmen Lande war während des kalten Winters nichts anders übrig geblieben, als sich hier in der Nähe der Front große Mengen von Soldaten ansammelten, die kochen und warm haben wollten.
So bot denn das Dorf mit seinen halb- und ganz zerstörten Häusern einen traurigen Anblick dar. Trotzdem mußte es wieder bezogen werden; als ein Seuchenlazarett an dieser Front notwendig wurde, hielt man diesen Ort, der nicht weit der Bahn und Hauptstraßen lag, für besonders geeignet, da in seiner Nähe kein stehendes Gewässer sei. Man hielt es daher für malariafrei. Das stellte sich später als ein schwerer Irrtum heraus, gab mir aber zu besonderen Forschungen Anlaß, von denen in einem späteren Kapitel die Rede sein wird.