Als ich in Kaluckova ankam, hatte man erst gerade begonnen, das Lazarett auszubauen. Einige Baracken waren in dem Maulbeerhain am Nordhang des Tals aufgestellt, die Moschee, das Schulhaus und was sonst von Bauten noch brauchbar war, mit Krankenbetten belegt. Nur für die Ärzte, die Pflegeschwestern und die Sanitätsmannschaften war die Unterkunft zunächst sehr mangelhaft. Allmählich wurden aber die Ruinen wieder ausgebaut und so eine Anzahl erträglicher Quartiere eingerichtet, wobei andere der zerfallenen Häuser das Baumaterial lieferten und dabei fast vollständig vom Erdboden verschwanden. So waren ein Schwesternhaus, ein Ärztekasino im Haus des Chefarztes, Ärztequartiere, Räume für Mannschaften, Ställe für Pferde, Lager für Vorräte errichtet worden. Dazu kamen eine Apothekenbaracke und ein ganz brauchbares Laboratorium für Seuchenuntersuchungen.
Dr. Laser phot.
Abb. 7. Die alte Dorfplatane von Kaluckova im Winter.
Als ich am Abend des 19. Mai in Kaluckova eintraf, wurde ich in freundlicher Weise von dem Chefarzt des Seuchenlazaretts, Stabsarzt Halter empfangen. Vorläufig wurde ich mit mehreren Ärzten in einem größeren Schlafraum untergebracht. Bald aber wurde auch für mich ein Haus am Bergende des Dorfes auf luftiger Höhe ausgebaut, dessen Garten ein stattliches Portal mit der stolzen Inschrift „Forscherhaus‟ erhielt ([Abb. 8]). Dazu wurde die Hälfte des Laboratoriums mir zur Verfügung gestellt, so daß ich sofort meine Instrumente auspacken und mich zur Arbeit vorbereiten konnte. Eine sehr brauchbare transportable Laboratoriumseinrichtung, das sogenannte Münchner Feldlaboratorium, wurde mir vom Kollegen Brauer, der es von den Beringwerken erhalten hatte, in großzügiger Weise zur Verfügung gestellt; so hatte ich bald ausgezeichnete Arbeitsbedingungen und konnte mich sofort an die Erforschung der Gegend machen, auf die ich äußerst gespannt war. Der verständnisvollen Unterstützung, die mir Stabsarzt Halter gewährte, werde ich stets dankbar gedenken. Nun ging eine schöne, eindrucksreiche Zeit in Kaluckova und seiner Umgebung für mich an.
Abb. 8. Mein Wohnhaus in Kaluckova.
Im stillen Forscherhaus habe ich manche ruhige Nacht, aber auch manche unruhige verbracht, zum Glück aber in den Monaten meines Aufenthalts nur einen Tag krank gelegen; in meinem einfachen Zimmer, am Haus und im Garten manche interessante Beobachtung gemacht.
In meinem Zimmer bauten Spinnen ihre Netze; von einer von ihnen habe ich im 19. Kapitel berichtet; nicht selten flatterten junge Vögel zu mir herein. Weidende Rinder brachen in meinen Garten ein, in dem ich vergebens nach Regenwürmern grub. Ameisen bauten im und um das Haus ihre Nester. In der Lehmwand hatten Bienen ihre Nester gebaut, solitäre Bienen aus den Gattungen Anthophora und Halictus. Deren Bauten wurden von den metallisch roten und grünen prachtvollen Goldwespen, Chrysididen, umschwärmt, welche ihre parasitische Nachkommenschaft in die Nester zu den Larven einzuschmuggeln trachteten. Die Dorfschwalbe (Hirundo rustica boissonneauti Temm.) baute und brütete unter meinem Dach, Sperlinge und Goldammern besuchten meinen Hof.