Dr. Laser phot.
Abb. 9. Das Doktorhaus in Kaluckova mit dem Granatapfelbaum.
Manche Nacht hörte ich die Malariamücken um mein Moskitonetz summen, während die kleinen Pappataccimücken durch dessen Maschen zu mir eindrangen und Nacht mit ihren schmerzhaften Stichen schlaflos machten. Dann war es wie eine Erlösung, wenn der Kraftwagen der Flieger aus dem Wardartal vor dem Haus anbrauste und die frischen jungen Männer mich mitten in der Nacht zu einem ihrer improvisierten Feste abholten.
An einen Haus- und Nachtgast denke ich mit besonderer Sympathie zurück. Es war der einzige Geckonide, eine kleine Eidechse, der im Wardartal vorkam, als südlicher Gast hier eingedrungen. Gymnodactylus kotschyi Stud. hieß das kleine braungraue Tier, das sich in meinem Zimmer eingenistet hatte und mir da das Ungeziefer wegfing. Tagsüber hielt mein Tekkotekko sich verborgen. Nachts aber, sobald ich das Licht gelöscht hatte, begab er sich auf die Wanderung an Wänden und Decke meines Zimmers. Seine Zehen waren für das Laufen an glatten Wänden nicht ganz geschickt ausgestattet und so plumpste er manchmal mit lautem Knall auf den Zementboden des Zimmers herunter. Sein leiser, glockenartig tönender Ruf schallte traulich aus den Zimmerecken zu mir. So ließ ich das harmlose Tier leben solange ich das Zimmer bewohnte.
Abb. 10. Mein Standquartier Kaluckova. Im Hintergrund Marianska Planina und Mala Rupa. (Nach Aquarell des Verfassers. Abendstimmung Juli 1917.)
Es war eine ganz seltsame Landschaft, die mich hier umgab, eine Landschaft, wie ich sie noch nicht kennen gelernt hatte. Um den Grund des Baches und seiner Zuflüsse stiegen nach allen Seiten steile Hügel an. Sie reihten sich meist in Ketten den Bachschluchten entlang an, selbst durch Nebenschluchten voneinander getrennt. So war es ein schwieriges Klettergelände, wollte man seitlich der Schluchten ins Gebirge hinauf. Jeder Hügel überragte seinen Nachbarn in der Kette und war von ihm durch eine tiefe Schlucht getrennt. Und alle diese Hügel sind auf ihrem Rücken von kurzem Buschwerk bedeckt, das meist in Gruppen vereinigt ist, die jeweils durch schmälere und breitere Rasenstrecken voneinander getrennt sind. So waren in dieser Jahreszeit die Hügel ganz grün, der meist hellgrüne Rasen gefleckt mit den dunkelgrünen Büschen. Dazwischen stachen höchst auffällig und grell das Gestein und die Gerölle der Abstürze und der Schluchtenränder mit ihrer rotgelben und dunkelroten Färbung ab. Und in all den Schluchten rauschte und rieselte in dieser Jahreszeit reichliches Wasser, doch immerhin nur soviel, daß es im Schotterbett des Unterlaufs der Bäche vollkommen versickerte.
Hügel über Hügel reihte sich bergan, bis in etwa 500 bis 600 m Höhe breitere Rücken und Halden sich anschlossen, die schließlich noch durch tiefe Täler von den steilen Felsabstürzen des Plaguša-Gebirges getrennt waren. Letzteres zog sich von Nord nach Süd als eine Kette von schroffen Spitzen dem Wardartal parallel. Im grellen Mittagslicht war das ganze Gebirge durch zahllose, gradlinig begrenzte Schattenflecke gegliedert. Grau und kahl überragte es die grünen Hügel des Vorlandes und einige höhere Zwischenberge, von denen einer von unseren Soldaten, da er aus dem dürren Lande so auffallend hervorstach, als der Grünberg bezeichnet wurde.
In diesem Gebiet habe ich in den nächsten Monaten und im Frühling 1918 eine Menge von interessanten Beobachtungen an Pflanzen und Tieren gemacht. Es erwies sich als ein biologisches Eldorado und die Wahl des Standquartiers als sehr geeignet.
Die Pflanzenwelt Mazedoniens stellte in ihrem Gesamteindruck wohl für die meisten Deutschen eine große Überraschung dar. Der Deutsche ist gewohnt, wenn er von seiner Heimat südwärts reist, in eine Landschaft von mediterranem Typus etwa in Südtirol, in Oberitalien oder in Südfrankreich zu gelangen. Er erwartet Pinien und Zypressen, sucht Lorbeer und Myrthen, Orangen- und Zitronenbäume.