Dr. Burmester phot.
Abb. 60. Felsenkessel zwischen Mala Rupa und Asantčasma.
Wir lebten aus unseren Rucksäcken, denn hier an der Front waren Offiziere und Soldaten meist so knapp verpflegt, daß Gäste nicht allzuwillkommen waren. Das machte einen eigenartigen Eindruck, daß die wichtigsten Bestandteile des Heeres, die Front, so viel weniger gut versorgt wurden, als die fette Etappe. Mit gutem Hunger verzehrten wir das Stück Speck zu unserem Kommißbrot, das wir mitgebracht hatten und stillten unseren gewaltigen Durst an dem köstlichen Wasser der Bergquelle.
Zum Ausruhen gab es mittags nicht viel Zeit; wir mußten die kurze Frist, die uns gewährt war, nach Möglichkeit ausnützen. So begaben wir uns bald an den Aufstieg zur Gipfelregion des Mala Rupa-Gebirges. Zwischen Felsen und über blumenreiche Matten ging der Weg steil aufwärts. Die Matten bedeckte ein hohes, sehr feines, dunkelgrünes Gras, das vielfach von den Truppen gemäht wurde und ein zartes, blaugrünes Heu lieferte.
Zwischen dem Gras gab es eine Menge verschiedenartiger blühender Pflanzen. Sehr häufig war ein kleinblütiger weißer Klee; dazwischen standen grellrote Nelken und eine rotblühende Lichtnelke mit weißlichen Blättern. Blaue Flecken wurden von zahlreichen Glockenblumen gebildet, Thymian erfüllte die Luft mit seinem starken Dufte. Zwischen den Steinen war ein kleines Hornkraut mit zarten weißen Blüten sehr häufig. Sauerampfer und viele Doldenpflanzen standen an den feuchteren Stellen.
Über den Matten gaukelten Schmetterlinge, vor allem glänzend gefärbte Bläulinge und eine tiefschwarze Erebia mit leuchtend blauen Augenflecken. Es war dies Erebia melas herzegowinensis Schar. Eine zweite Erebia der Höhenzone bilde ich nebenan ab; es ist dies Erebia tyndarus balcanicus Rbl.
Im allgemeinen war die Fauna der Gipfelregion nicht sehr reich. Das hing wohl auch mit der Tageszeit zusammen. Es war schon später Nachmittag; am Morgen hätten wir nach den späteren Erfahrungen an Berggipfeln reichere Beute gemacht. Über die grünen Matten kamen wir in 1860 m zu einem ersten Gipfel, der als Mala Rupa-Ball bezeichnet war ([Abb. 58]). Von da kletterten wir noch einige hundert Meter aufwärts und erreichten wohl auf der nächsten Kuppe eine Höhe von etwa 2100 m.
Abb. 61. Erebia tyndarus balcanicus Rbl. Mala Rupa. Nat. Gr.
Von oben hatten wir einen weiten Überblick über das Gebirge mit seinen zahlreichen steilen Gipfeln und seinen weißschimmernden Berghalden. Vor allen Dingen schön war der Blick auf die mittleren Höhen, wo die dunklen Laubwälder einen wundervollen Kontrast zu den hell aufleuchtenden Felsen bildeten. Im Glanze der Nachmittagssonne waren die Gipfel alle klar und deutlich zu übersehen. Der stattliche höchste Gipfel wurde als Porta, ein zweiter Kičikaia benannt. Ein spitzer Kegelberg führte den Namen Drena, daneben der Gipfel Asančasma. Von der Iberiza zog sich ein langer Kamm talwärts, der einen scharfen Schatten auf die Matten warf. Nach Norden sahen wir ins Tal hinab und zu den Bergen, die ich immer von Kaluckova bewundert hatte und die ich jetzt von der anderen Seite vor mir sah. Gegen Sermenli zu erstreckte sich als langer Rücken der Zweiohrenberg ([Abb. 62]) und hinter ihm, von hier aus klein und unscheinbar, die Marianska Planina.