Wir sahen bald, daß die Beschießung keinen großen Erfolg hatte und so wandten wir uns beruhigt unserer Arbeit zu. Wir waren rasch gestiegen, so daß wir noch einige Vormittagsstunden zum Sammeln und zu Beobachtungen vor uns hatten. Diese konnten wir gut ausnützen. In leichter Steigung führte uns ein Pfad durch den stattlichen Buchenwald, der etwa die obere Waldgrenze darstellte. Wir durchwanderten einige Schluchten, in denen Bäche abwärts flossen. In einer dieser Schluchten wurde später der gefleckte Salamander (Salamandra maculosa L.) beobachtet, der scheinbar in Mazedonien meist in Höhen von über 1000 m vorkommt.
Über dem Wald zogen sich weiße Kalkfelsen hin, jenseits von denen grüne Matten begannen. Es war ein herrliches, farbenprächtiges Bild, das wir durch die grauen Stämme der Buchen und ihr helles Laub eingerahmt vor uns sahen, wenn wir die Blicke bergauf richteten. Und über all dieser irdischen Pracht wölbte sich ein leuchtend blauer Himmel in dem Glanz und der Tiefe des Hochgebirgshimmels. Große weiße Wolken, sich ballend, aufblähend und verschwimmend schwebten am Gewölbe des Himmels, als seien es zarte Wollflocken, die langsam und majestätisch von Osten nach Westen wanderten.
Vom Waldrand erstreckte sich eine Schlucht bergab, die ein Bach durchfloß; unten, einige hundert Meter unter mir, zog sich ein weißes Band von Schotter und Gesteinstrümmern durch eine reiche Pflanzenwelt. Kurz oberhalb des Waldes weitete sich die Schlucht zu einer breiten Mulde aus. Dort war eine üppige Vegetation aufgewachsen, so hoch, daß sie mir unter die Schultern reichte. Es standen hier zahlreiche Brennesseln, Disteln in Blüte, weiße Umbelliferen, stattliche Königskerzen, dazwischen Wachholder- und Brombeersträucher.
Die Mulde war nach oben abgeschlossen durch ein weißes Felsenband, das aus würfel- und plattenförmigen Kalkmassen gebildet war. Hier, in den Spalten zwischen den Steinen und auf all den kleinen Balustraden, die sie bildeten, leuchtete und duftete es von einer Menge von Pflanzen von Hochgebirgscharakter. Es war fast, als wäre da künstlich ein Alpengarten angelegt; die ganze Farbenpracht alpiner Blumen war hier auf engem Raum zusammengedrängt. Dunkelblaue Glockenblumen bildeten dichte Polster neben roten und weißen Nelken (Dianthus silvestris Walb.) und Lichtnelken, Steinbrech in mehreren Arten, Fettkraut, Sempervivum batens Gris., farbige Stiefmütterchen (Viola orphanites Boas), Vergißmeinnicht, alles war da dicht beieinander gewachsen und bildete Rasen und Polster zwischen den Steinen.
Über den Blüten summte und bewegte sich eine reiche Insektenwelt. Hummeln brummten von Blume zu Blume, Bienen der verschiedensten Arten wetteiferten mit ihnen und über allem zogen edle Falter ihre Kreise. Ich hatte sicher erwartet in diesem Gebiet und in dieser Jahreszeit einen Schmetterling aus der schönen Gruppe der Apollofalter anzutreffen. Wir waren gespannt, ihn hier zu finden und kaum waren wir eine Viertelstunde im Gebiet, so erscholl der triumphierende Ruf von Prof. Müller: „Da ist er schon!‟
Abb. 59. Parnassius Apollo. Form von der Mala Rupa.
In stolzem Flug über allen anderen Insekten zog der große, weiße Schmetterling seine Kreise. Bald waren einige Exemplare gefangen und voll Freude betrachteten wir die schönen Tiere mit den schwarz-roten Augenflecken. Es war nicht leicht in dem gefährlichen Gelände die raschen Falter zu erhaschen. Kaum gesehen, schwangen sie sich in hohem Bogen über die Felswand empor und entflatterten über den grünen Matten. Außerdem waren es ihrer nicht viele; die Flugzeit hatte offenbar erst gerade begonnen, was sich auch darin aussprach, daß die Männchen weit über die Weibchen überwogen. Bald hatten wir sechs Männchen, aber nur ein Weibchen gefangen. Das hatte aber alle Geschicklichkeit und Gewandtheit erfordert, in dem steinigen Gebiet mit der dichten Vegetation und den vielen tiefen Löchern, die sie verdeckte, nicht Arm und Bein zu brechen. In Beachtung der Flugart großer Schmetterlinge, die gewöhnlich in großen Kreisen ein ziemlich umgrenztes Gebiet abfliegen, verteilten wir drei Männer uns auf Felsenband, Mulde und Waldrand, und so gelang es nach einiger Zeit, vor allem durch die Anstrengungen des gewandten Rangnow, eine befriedigende Ausbeute zu erzielen. Über den Apollos vergaßen wir aber die anderen Insekten nicht, die hier in der warmen Sonne sich tummelten. Von Schmetterlingen gab es zahlreiche Bläulinge, Perlmutterfalter, unter diesen Argynnis pales balcanica Rbl., und vor allem dunkle Erebien mit schönen blauen Augenflecken auf den Flügeln. In der Schlucht, die wir die „Apolloschlucht‟ benannten, fanden sich, vor allem auf den Doldenpflanzen, viele schöne Käfer. Wie Edelsteine blinkten Chrysomeliden, bunt gefleckte Trichia (T. fasciata L.) und Bockkäferarten wimmelten auf den Dolden mit vielen Bienen, Hummeln, auffallend gefärbten Fliegen, eigenartigen Spinnen usw. Die prachtvollen Chrysomeliden waren die schön metallisch rot-grün-blaugestreiften Orina variabilis Wsc. var. balcanica, Cryptococcus aureolus ab. coerulescens Schil und Cryptocephalus aureolus Suffr.
Am Waldrand fanden sich unter Steinen Skorpione und seltsame Tausendfüßler. Wir hatten schon reiche Beute eingeheimst, als wir zur Hütte zurückkehrten, um dort im Schatten die heißesten Stunden zu verbringen.