Außerdem traf ich dort oben zwei Marinesoldaten, welche mit einem riesigen Zeiss'schen Doppelfernrohr den Hafen von Saloniki überwachten. Sie konnten den wachsenden oder ruhenden Verkehr in diesem für unsere Feinde so wichtigen Hafen kontrollieren. Eine 4 m lange photographische Kamera mit sehr lichtstarkem Objektiv diente dazu, genaue Fernaufnahmen des Hafens mit den ankernden Schiffen zu machen. Besondere Listen der englischen Kriegs- und Handelsschiffe ermöglichten, deren Art und Namen festzustellen und so wichtige Schlüsse auf die Vorgänge in der Hafenstadt und an der feindlichen Front zu ziehen.
Selten allerdings lag Saloniki und das Meer so klar in der Ferne, daß gute Aufnahmen gelingen konnten. Auch während unseres kurzen Aufenthaltes hier oben bekamen wir die Stadt und den Hafen nicht klar zu sehen. Immerhin wurde uns ein Blick auf das blaue Ägäische Meer zuteil und am nächsten Morgen kam auch der Olymp auf kurze Zeit aus dem Dunst der Ferne heraus.
Wir waren ja hier ganz nahe der Grenze Griechenlands. Jenseits des Berges, von oben nicht zu sehen, lag die kleine griechische Stadt Nonte. Klar und deutlich erkannte man aber von unserem Aussichtspunkt die weißen großen Gebäude in der Stadt Gewgeli. Die Stadt sah ganz wohlerhalten aus; aber tatsächlich war sie sehr zerstört und von ihren Bewohnern verlassen, wie ich bei einem späteren Besuch beobachten konnte.
War auch die Ferne nicht so klar, als ich es erhofft hatte, der schöne Blick in die näher gelegenen Täler und Berge entschädigte mich in vollkommenster Weise. Es war eine Landschaft von großer Schönheit, die sich um das Gebirge ausbreitete.
Rückwärts lag unten im Tal Koinsko, im Grün so verborgen, daß es schwer war, die Häuser und Dächer mit dem Fernglas aufzufinden. Zum Ort hin zog sich ein Taleinschnitt, aus dem die in vielen Windungen verlaufende Straße nach Huma hervorkam, die man als helles Band weithin verfolgen konnte. Unter uns lag ein schmales tiefes Tal, durch welches man deutlich die Schützengräben unserer und der feindlichen Front in kurzem Abstand voneinander hinziehen sah. Sie stiegen vom Südhang unseres Berges hinunter ins Tal, durchquerten dieses, um jenseits sich wieder an ein Gebirge anzulehnen, das ostwärts gegen den Wardar verlief. Diese niedrigen Berge waren kahl und vegetationslos, ganz anders als die üppige Natur, aus der ich hinunterblickte. Sie glichen mehr den Bergzügen, die wir auf dem Weg nach Koinsko durchfahren hatten.
Direkt unter uns lag, noch in unseren Linien, ein kleines, wohlerhaltenes Städtchen, Borislaw. Davor in der Ebene sah man mehr der feindlichen Front genähert, die Gebäude eines Klosters, Sv. Archangeli. Von diesem erzählten unsere Soldaten eine nette Geschichte. Der Abt dieses Klosters, dessen Lage ja dazu herausforderte, spionierte für den Feind. Man war ihm auf die Spur gekommen und so ritten eines schönen Morgens einige von unseren Ulanen hinüber und „holten ihn ab‟. Sie sollen ihn ohne allzugroße Sanftheit aus dem Bett geholt haben.
Während wir die Gegend überblickten, begannen die feindlichen Batterien unsere Gräben tief unten im Tal zu beschießen. Man sah die Einschläge der Granaten, die hohen Rauch- und Staubwolken in der stillen Luft senkrecht aufsteigen. Deutlich sahen wir die bulgarischen Soldaten rückwärts sich verziehen. Sie verließen die Gräben und zogen sich in die Unterstände zurück.
Dr. Burmester phot.
Abb. 58. Fernsicht von Mala Rupa Ball.