Abb. 56. Bergheuschrecke beim Balzflug. (Stenobothrus miniatus Charp.) (Mala Rupa, Kobeliza, Peristeri).
Weiter oben, zwischen 1000 und 1500 m wird der Buchenwald immer dichter und hochstämmiger: oft glich er einem großen Saal voller Säulen, in seinem Schatten flimmerten allerorts die Sonnenflecken. Hier beginnen zwischen dem Wald sich Wiesenflächen einzuschalten, auf denen einzelne Buckel ganz von einem zarten, niederliegenden, bläulich schimmernden Wachholder bedeckt sind, der von dem feinen, grünen Gras dunkel sich abhebt (Juniperus nana Willd.).
In dieser Region fand sich in Massen eine kleine Schnarrheuschrecke, deren Musik die Luft erfüllte. Die kleine, etwa 5 cm lange Heuschrecke (Stenobothrus miniatus Charp.) zeigte eine merkwürdige Gewohnheit, die man sonst bei Heuschrecken nicht beobachtet. Das Tierchen hat schwarze Flügeldecken, rote Beine und roten Leib. Diese traten leuchtend hervor, wenn das Tier mit ausgebreiteten Flügeldecken sich etwa 1 m hoch laut schnurrend in die Luft erhob, da anders als andere Heuschrecken einige Sekunden schwirrend schwebte, um dann langsam auf den Boden zu sinken und zu schweigen. Es ist eine Art von Balzflug, welchen das Tierchen ausführt. Ich habe die Art auch sonst in den mazedonischen Gebirgen beobachtet, stets aber nur in größeren Höhen, von 1200-1800 m.
Abb. 57. Mala Rupa. Alpenmatte in fast 2000 m. Blick gegen die Porta. Juni 1917.
Noch etwas weiter oben breitet sich auf den Wiesenflächen, die in ihrer reichen, äußerst mannigfaltigen Pflanzenwelt einen heideartigen Charakter annehmen, eine zarte, sehr reizende Erika aus. Mit ihren rosenroten Blüten und ihrem feinen Duft war sie ein köstlicher Schmuck dieser Halden (Bruckenthalia spiculifolia Salisb).
Je höher ich kam, desto schöner wurden die Buchenwälder, die hohen Bäume bildeten ein dichtes Blätterdach, das tiefen Schatten auf den in dieser Region unbewachsenen, von braunen Blättern bedeckten Waldboden warf. Um so reicher war die Vegetation an den Waldrändern, die entzückende Blicke auf die Felsgipfel der Berge gewährten. Hier gingen die Buchen in Buschwerk über, zwischen denen einzelne Birken und stattliche Edeltannen sich erhoben. Der Tannenduft rief Heimatserinnerungen wach. Zwischen dem niederen Wachholder blühten hier die Gräser und standen stolz und steif die dunkelroten Blüten einer Form des Türkenbunds (Lilium martagon L.).
Im Buchenwald fanden wir auf der Rinde der Stämme stattliche graue Bockkäfer. Ein kurzer Anstieg durch den Wald brachte uns in etwa 1700 m Höhe zu einer kleinen Hütte, der Bergstation der Vermessungsabteilung 7. Wir fanden hier gastliche Aufnahme und Nachtquartier. Die Abteilung hatte hier wichtige Aufgaben zu erfüllen. Zunächst wurde die kartographische Aufnahme dieses wichtigen Frontgebietes durchgeführt.
Die Männer, die hier oben in primitivster Weise hausten, leisteten eine auch für die Wissenschaft wichtige Arbeit. Die Kartenaufnahme erfolgte mit den von dem Jenenser Pulfrich erfundenen photogrammetrischen Methoden. Die Arbeit wurde in der Hauptsache ausgeführt von einem Dr. Burmester, einem Assistenten Prof. Finsterwalders in München, in dem ich einen Münchner Bekannten fand. Ihm stand dabei zur Seite ein junger Mann, namens Pulfrich, ein Sohn jenes Gelehrten, der hier mit den Methoden seines Vaters als Soldat dem Vaterland diente.