Durch Erlengebüsch stieg ich am Bachufer hinauf, kam durch eine Fläche, die mit hohem Adlerfarn bedeckt war, dieser weltweit verbreiteten Pflanze, und gelangte nach kurzem Steigen in einen Hain stattlicher Bäume. Es waren große, hohe Buchen, deren silbergraue Stämme uns freundlich anheimelten. Welcher Gegensatz gegen die Gluthölle der Wardarebene.
Am Rande des Buchenhains standen wieder Erlen und Weiden, weichblätterige Eichenbüsche und prachtvolle, alte Nußbäume. Daneben erstreckte sich eine frische grüne Wiese mit vielen blühenden Pflanzen, salbeiähnlichen Lippenblütlern, einem Tausendgüldenkraut (Erythraea centaureum Pers.), Hornkräutern (Stellaria holostea L.) u. dgl. Von Riedgräsern eingefaßt breitete sich am Rand des Gebüsches ein kleiner Sumpf aus. Der Frosch, den wir dort fanden, war Rana agilis Thom. Hier oben flogen viele Libellen, Hummeln und bunte Fliegen, Syrphiden und Stratiomyiden (Rhynchomyia impavida Rossi und R. speciosa Lw.); von Schmetterlingen schöne Vertreter der Gattung Coenonympha (C. arcania H. S.).
An dem trockneren Hang standen hohe Disteln mit roten Blüten, Königskerzen mit ihren duftenden gelben Blütenständen ragten hoch empor; der Sanddorn war in mächtigen, baumähnlichen Sträuchern reichlich vertreten.
Vor allem schön und malerisch stellten sich aber mächtige Buchen dar, welche von Reben umschlungen und überwachsen waren. Wie wunderbar umrahmten ihre Ranken und die grauen Stämme der Buchen die Ausblicke auf die im Glanz der Nachmittagssonne liegenden Berge.
Der Bach kam durch eine tiefeingeschnittene Talschlucht von den Bergen herab. Seine felsigen Ufer trugen ebenfalls prachtvolle Buchen, die hier schon einen schattigen Wald bildeten. Am Bachufer mündete eine Mineralquelle aus, wie sie in Mazedonien so häufig sind. Das Wasser, welches Kohlensäure und Eisen und etwas Schwefel enthält, schmeckt recht erfrischend. Im Wald tummelte sich eine reiche Vogelwelt. Mit Vergnügen begrüßten wir unsere einheimischen Formen Buchfink und Amsel, Kleiber, Meisen und den stattlichen Pirol.
Ein erfrischendes Bad im kühlen Wasser des Bachs schloß den Nachmittagsspaziergang ab. Den Abend verbrachten wir im Kreise der deutschen Offiziere; nachts teilte ich das Quartier mit Prof. Schultze-Jena. Obwohl der Abmarsch auf 4 Uhr früh angesetzt war, verplauderten wir in alten Erinnerungen bei einer guten Flasche Burgunder, die sein Vater, der altberühmte Jenenser Gynäkologe ihm ins Feld gesandt hatte, fast die ganze Nacht und lauschten auf das beständige leise Rauschen, welches von den vielen tausenden von Holzwürmern (Käferlarven) erzeugt wurde, die ihre Gänge durch das Holzwerk des Hauses fraßen. Ein solches Massenvorkommen von Holzwürmern in einem bewohnten Hause war mir noch nie begegnet und man mußte sich wirklich fragen, wie lange Dach und Fußböden dieses Hauses noch halten könnten, wenn die Tiere unablässig an seinen Stützen nagten.
Abb. 55. Buchenwald auf der Mala Rupa. Im Hintergrund Kalkberge.
Nach kurzem, tiefem Schlaf fuhr uns im Dunkeln das Auto zum geeignetsten Anstieg, den wir noch in der Dämmerung begannen. Als die Sonne aufging, waren wir schon in schönem Buchenwald. Wir stiegen einen Kamm entlang, an Batterien vorbei, passierten einen Sumpf, in welchem schöne rote Orchideen blühten. Der Buchenwald war hier noch licht, von Waldwiesen unterbrochen, welche mit Salvien, Königskerzen, Brombeersträuchern und Disteln bestanden waren. An den Blüten fingen wir Lepturen und andere Bockkäfer, Hummeln, Bienen und Schmetterlinge. Weiter oben wurde der Wald so dicht, daß es sich köstlich in seinem kühlen Schatten wanderte. Zudem war der Waldboden mit unzähligen reifen süßen Walderdbeeren bedeckt. Diese fand ich noch oft in den mazedonischen Bergwäldern. Indem man sie schmauste, fühlte man sich in die Heimatswälder versetzt, von denen sich der von uns durchwanderte Forst in nichts unterschied.
In etwa 1000 m Meereshöhe gelangten wir an eine offene feuchte Stelle, wo sich ein schöner Birkenbestand befand. Wie schön hoben sich die zierlichen weißen Stämme und die zarten hellgrünen Blätter der Birken (Betula pubescens L.) von dem blauen Himmel ab, an dem große weiße Wolken dahinzogen. Welch köstliche Durchblicke eröffneten sich zwischen den Zweigen auf die schroffen Felsen, denen wir jetzt immer näher kamen. Die weißen Bänder, welche die Matten durchzogen, bestanden aus Kalk, der oft Formen annahm, die an Jura erinnerten. Vielfach war er geschichtet und in Platten gebrochen. Doch stießen wir im Gebirge auch auf Gneis und Granit.