Während wir wieder durch das Tiefland fuhren, ertönte hier überall aus den Büschen das berauschte Liebeslied der Zikaden lauter als je. Welch schöne, starke Eindrücke hatte der kurze Aufenthalt im Gebirge mir gebracht. Die Kontraste zwischen Ebene und Bergeshöhe, mir aus der Heimat, vor allem den bayerischen Alpen, so wohl vertraut, waren mir hier noch ausgesprochener entgegengetreten. Hier im Gebirge entsprach die Natur vollkommen in Pflanzen- und Tierwelt derjenigen im Flachland des gemäßigten Mitteleuropa. Auf der Breite des südlichsten Italien genügte Gebirgshöhe von 1000-2000 Metern, um die Natur der Heimat herbeizuzaubern. Ja, das Klima erinnerte sogar an Vorgebirge der Heimat. So hatten wir die Tannen auf der Mala Rupa jetzt im Juli im Schmuck der hellgrünen Triebspitzen angetroffen, ein Stadium, das im Schwarzwald schon seit einigen Wochen vorbei sein mußte.
Neben den Bäumen, also Weißtanne, Buche, Birke und den Blüten der Mattenregion hatte vor allem die Vogelwelt beigetragen, den heimatlichen Eindruck zu verstärken. Buchfink, Kleiber, Sumpfmeise schienen sich kaum von den heimischen Formen zu unterscheiden. Amsel und Drossel sangen die altbekannten Lieder, Pirol und Häher belebten die Baumkronen des schattigen Buchenwaldes, in dem wir die Erdbeeren gepflückt hatten. Von dem Vorkommen von Hirsch und Reh hatten wir gesicherte Nachricht bekommen, vom Hirsch sogar eine Haut erworben. Von Schlangen hatten wir Äskulapschlange und glatte Natter beobachtet, von Eidechsen allerdings die südlichen Arten Lacerta viridis und muralis, von Fröschen die uns so vertraute Rana ridibunda und dazu R. agilis. Die zahlreichen Adler und Geier, die Falken und Bussarde, Kolkraben und Felsenhühner, die wir auftrieben, paßten besser in das Land, in dem wir nun lebten.
Zufrieden, in der kurzen Zeit so viel Interessantes erlebt und beobachtet zu haben, kehrte ich in mein Standquartier Kaluckova zurück mit dem festen Vorsatz, die mazedonischen Gebirge öfter zu besuchen und zu durchforschen. Daß dieser Vorsatz Erfüllung fand, werden weitere Kapitel dieses Buches zeigen.
ACHTES KAPITEL
REGENWÜRMER UND ACKERERDE IN MAZEDONIEN
Regenwürmer sind Tiere, welche keine großen Wanderungen ausführen können; auch ihre Eier und Entwicklungsstadien sind nicht zu weiter Verbreitung geeignet. So werden sie auch niemals weithin durch andere Tiere verschleppt, was bei manchen Tierarten eine wichtige Form passiver Wanderungen darstellt. Erst im Zeitalter des Welthandels wurden sie mit Pflanzen auf dem Weg über Baumpflanzungen, Ackerbetrieb, Gärtnereien in einer unnatürlichen Weise verbreitet, indem sie mit den heimatlichen Pflanzen in fremde Gegenden verpflanzt, sich dort weiterentwickelten und einbürgerten. Auf diese Weise wurden wohl schon seit den Zeiten des römischen Weltreiches Regenwürmer weithin verschleppt. Michaelsen, wohl der beste Kenner dieser Tiergruppe und ihrer Verbreitung, ist sogar der Meinung, daß die Verschleppung schon in prähistorischer Zeit begann.
In weniger kultivierten Ländern müssen aber Regenwürmer einen sehr seßhaften Bestandteil der Fauna darstellen. Aus ihrem Vorkommen kann man vielfach wichtige tiergeographische Schlüsse ziehen. So hatte ich mir denn bei der Ausreise nach Mazedonien gleich vorgenommen, dort aufmerksam auf die vorkommenden Regenwurmarten zu achten.
Sogleich bei Beginn meiner Forschungen suchte ich nach Regenwürmern, zunächst in der Nachbarschaft von Kaluckova, dann im Wardartal, später auf allen Reisen in den Gebirgen, den fruchtbaren Tälern und Ebenen, kurz überall, wohin ich kam. Bald merkte ich, daß jedenfalls im Sommer Regenwürmer in Mazedonien etwas außerordentlich seltenes sein mußten.
Es dauerte längere Zeit, bis ich die ersten Vertreter dieser bei uns in Deutschland so häufigen Tiere fand. Das lag zunächst sicher an den besonderen Verhältnissen des südlichen Wardartales, in dem ich damals mein Standquartier hatte. Dort in den felsigen Hügeln war es wohl von vornherein vergebliche Mühe nach Regenwürmern zu suchen. Dazu war der Boden, soweit er nicht aus Felsen und grobem Gerölle bestand, im Sommer zu hart und ausgetrocknet, als daß diese Feuchtigkeit liebenden Tiere hier hätten existieren können. Manche Grabungen, die ich zu verschiedenen Zwecken, z. B. bei der Untersuchung von Ameisenbauten in den Hügeln durchführen ließ, zeigten mir, wie hart und trocken der Boden bis tief hinab war. Nur an wenigen Stellen konnte man 1-1½ m in die Tiefe graben, ohne auf gewachsenen Felsen zu stoßen. Meist lag dieser schon unter einer Erdkrume von wenig Zentimetern Dicke. Auch in den Gärten und in den Maulbeerpflanzungen nahe bei Kaluckova wurden mehrfach tiefe Löcher gegraben, ohne daß ich jemals auf einen Regenwurm stieß. Nur in unmittelbarer Nachbarschaft von Wasser gelang es hie und da solche aufzufinden, so an den Nebenflüssen des Wardar, in den Schluchten der Plaguša Planina und vor allem hoch oben in den Bergen.
Eines Tages, im August 1917, entdeckte ich Regenwürmer in großer Zahl unter dem Wasserfaß des Lazaretts, also dicht bei meinem Quartier. In der durchnäßten Erde hatten sich hier die Tiere massenhaft angesammelt. Der Fund war aber nicht allzu interessant, da die Art sich als die kosmopolitische Form Helodrilus (Allobophora) caliginosus Sav. herausstellte, welche in ganz Europa sehr gemein ist, aber auch in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika, Australien, also in der ganzen Welt verbreitet ist. Es handelt sich offenbar um eine europäische Form, die allmählich durch den Menschen in die anderen Erdteile verschleppt wurde. Die gleiche Art fand ich dann noch öfter, aber immer an feuchten Stellen, so bei Dedeli und in den Rasenpolstern der Schluchten bei Kaluckova. Merkwürdiger als diese Funde war das Vorkommen in dem Wasser eines Quellbaches an der Kobeliza im Schardakh in der Höhe von etwa 2000 m. Dieses Vorkommen könnte darauf hindeuten, daß die Art doch seit jeher in Mazedonien einheimisch ist. Eine Verschleppung in die Bergeinsamkeit ist kaum anzunehmen.