Daß sie trockene Zeiten im Boden verborgen in einem Zustand herabgesetzten Stoffwechsels verbringen müssen, auch an manchen Stellen, an denen man sie sonst vermißt und nicht einmal durch ihre Spuren nachweisen kann, bewiesen mir mehrere Fälle, in denen ich Würmer — meist in den Bergen — nach kurzen heftigen Regengüssen frei herumkriechen sah, wohl durch das Wasser aus ihrem Versteck vertrieben. Die kurze Zeit, welche seit dem Regenfall vergangen war, verriet in jedem Fall, daß die Verstecke der Würmer nicht tief im Boden gewesen sein konnten.

Auch habe ich nicht selten nach heftigem, oft tagelangem Sommerregen die Erde aufgegraben, um festzustellen, wie tief das Wasser in eine sehr feste, zusammengetrocknete Erde eindringen kann. Ich stieß in den meisten Fällen schon in der Tiefe von 2-3 cm auf vollkommen trockenen Boden.

In einem solchen Land muß der Einfluß der Regenwürmer auf Bodenbeschaffenheit, Pflanzenwuchs und Ackerbau sehr gering sein. Die Ackererde in weiten Gebieten von Mazedonien hat nichts von dem großen Einfluß der Regenwürmer auf ihre Beschaffenheit zu verspüren, den wir seit den Forschungen von Hensen und Darwin für unsere Gegenden sehr hoch einzuschätzen wissen.

Die von mir beobachteten Verhältnisse haben mich viel beschäftigt und mich veranlaßt, mir Vorstellungen über die Abhängigkeit des Ackerbaues von der Bodenbeschaffenheit in einem Land vom Charakter Mazedoniens zu bilden. Was ist das ein ganz anderer Anblick, wenn bei uns der Pflug dezimetertief in den Ackerboden sich einwühlt, als wenn der mazedonische Bauer mit dem kurzen Eisenhaken seines urweltlichen, primitiven Pflugs den Boden nur oberflächlich ankratzt. Was ist das gar für ein Unterschied gegenüber den Ackerböden in Rumänien, wo ich einmal von Bukarest aus einen Ausflug mit einem Agrikulturbotaniker machte, um dort den äußersten Kontrast zu den mazedonischen Verhältnissen kennen zu lernen. In einem Krongut im Gebiet der „schwarzen Erde‟ maßen wir in einem Acker eine Decke von fruchtbarem Boden von einer Dicke von 1,10 m. Was ist das für ein Unterschied gegen die 3-5 cm in Mazedonien. Und wie war dort an Farbe und Geruch der Erde der Gehalt an organischer Materie zu erkennen, wie war der Boden in seiner Feinkörnigkeit und Luftigkeit Zeuge von der Arbeit der Regenwürmer.

Wie ist es aber möglich, daß auf dem scheinbar so sterilen Boden Mazedoniens trotzdem schöne große Ernten zustande kamen, daß im Frühsommer oft die Landschaft dort von Gersten-, Roggen- und Weizenfeldern bedeckt, den Eindruck paradisischer Fruchtbarkeit erweckt?

Offenbar beruht in Mazedonien die Fruchtbarkeit auf einer ganz anderen Grundlage als in feuchteren Gegenden. Auf dem felsigen Boden bildet sich jeweils in einigen Jahren eine Schicht von verwittertem Gestein, an dessen Verarbeitung Sonne und Regen, Eis und Schnee, Wind und Sturm beteiligt sind. Diese Schicht bildet eine Erde, die einige wenige Ernten gestattet, wenn Wasser genug geboten ist, wenn also der Acker in Flußnähe liegt oder sonstwie künstlich bewässert werden kann. Fast wie in einer Nährlösung gedeihen auf solchen Feldern die Pflanzen. Bald sind diese Äcker aber erschöpft und sie müssen wieder Jahre brach liegen, bis wieder neue Verwitterungskrume gebildet ist. Ohne Dünger können solche Äcker nur kurze Zeit tragen. Drum sah man in Mazedonien oft halbkahle, erschöpfte Felder.

Die flache Ackerkrume ist auch die Ursache, welche die Dürre in diesem Land für die Ernte so gefährlich macht. Kann ein Acker nicht bewässert werden, so geht in einem heißen, trockenen Sommer die Ernte mit Sicherheit zugrunde.

Tatsächlich muß es genügen, einen solchen Ackerboden mit dem Pflug nur gerade anzukratzen, damit man den Samen in ihn betten kann. Dazu genügt der Pflug des Altertums. Pflügte man tiefer, so wühlte man nur Steine und sterile Massen auf, welche noch nicht verwittert waren, noch nicht so weit aufgeschlossen waren, daß sie dem Getreide Nährstoffe bieten konnten.

So haben unsere Truppen, auch gute Landwirte und Ansiedler in Mazedonien im Anfang Mißernten erzielt, als sie hochmütig lächelnd die primitive Bearbeitungsweise der mazedonischen Bauern verachteten und tief, oft gar mit Dampfpflügen den Boden aufwühlten. Die fruchtbare, dünne oberste Schicht wurde dabei in die Tiefe versenkt, das Felsengestein und seine Trümmer wurden emporgeholt. Ohne starke Düngung konnte solch ein Feld nichts tragen, ohne einige Jahre den Mächten der Atmosphäre ausgesetzt gewesen zu sein.

Da wäre jahrelange Arbeit des Menschen, oder noch viel längere Tätigkeit der Regenwürmer nötig gewesen, um aus einer Steinwüste fruchtbare Felder hervorzuzaubern.