Daß sie etwa tief unten im Boden ihr normales Leben fortsetzen könnten, ist in einem Land wie Mazedonien an den meisten Orten ausgeschlossen. In Tiefen von mehr als 50 cm finden sie hier keine Nahrung. Eine richtige Humusschicht gibt es in diesem Lande nur in den Flußtälern, in den bewässerten Ebenen, in den Wäldern und auf den Matten der Gebirge. Sonst deckt überall nur eine ganz dünne lockere Erdschicht die felsige Unterlage, welche das Land überzieht. Und dieser dünne Überzug entbehrt vielfach vollkommen oder fast vollkommen der organischen Bestandteile, welche die „schwarze Erde‟ anderer Gebiete zu den Kornkammern der Welt gemacht hat.
Das Grundwasser liegt in den Gebieten, die ich genauer kennen lernte, meist so tief, daß es weit unter dem Boden sich findet, in welchem Regenwürmer leben und sich ernähren könnten.
Ich habe während meines Aufenthaltes in Mazedonien jede Gelegenheit benutzt, welche mich über das Vorkommen der gesuchten Tiere hätte unterrichten können. Wenn im Frühling oder Herbst Äcker gepflügt, wenn die Fundamentgrube für ein Haus ausgegraben, von unseren Soldaten Schützengräben oder Unterstände ausgehoben, Bäume oder Sträucher gepflanzt wurden, untersuchte ich die Löcher und die ausgehobene Erde und fand trotz aller Bemühungen fast niemals Würmer. Nur in direkter Berührung mit Wasser kamen sie vor.
Während diese Fragen mich beschäftigten, wurde in Üsküb ein großes Experiment durchgeführt, welches meinen Zwecken vorzüglich entgegenkam und in mancher Beziehung so interessant ist, daß es sich lohnt, an dieser Stelle davon zu erzählen.
Während die Bulgaren glaubten, Mazedonien, das Land, das ihre Väter besaßen, durch unsere gemeinsamen kriegerischen Erfolge dauernd in Besitz behalten zu können, arbeiteten sie in Mazedonien in mancher Hinsicht für die Zukunft. So kamen sie auch auf die Idee, die Umgebung der Stadt Üsküb wieder mit Bäumen zu schmücken, um dieser schön gelegenen Stadt eine sympathische Umgebung, den Bewohnern Erquickung in schattigen Anlagen zu verschaffen. Und so wurde sehr idealistisch für eine Bepflanzung, speziell des Zitadellenhügels, auf dem ich mein Standquartier damals hatte, agitiert. Die Sache fand Anklang, die Stadtverwaltung von Üsküb wandte große Mittel auf, um Tausende von Bäumen als Alleen an den Landstraßen, als Haine auf Hügeln, als Wälder an den Abhängen des Berges anzupflanzen. Und es übernahmen Vereine und Schulklassen die Verpflichtung, einzelne Lose zu bepflanzen und zu pflegen. Die Sache wurde mit großem Schwung und Idealismus unternommen; Schulklassen zogen mit bulgarischen Fähnchen aus, um kleine Bäumchen zu pflanzen, ganze Bataillone von rumänischen Kriegsgefangenen hoben tiefe Gruben aus, um viele Tausende von Bäumen einzusetzen.
Alle diese Gräben und Gruben boten mir Gelegenheit, nach den gesuchten Würmern zu forschen. Aber, obwohl es feuchter Frühling und Frühsommer war, ich bekam bei dieser Gelegenheit keinen einzigen Regenwurm in die Hand. Auch sonst ging die Sache traurig aus. Die ganze große Unternehmung war offenbar ohne fachmännische Beratung unternommen. Man hatte Tannen aus dem Gebirge ins Wardartal gepflanzt und nicht auf Bodenart und Bewässerung weder bei diesen, noch bei den Obstbäumen, Pappeln usw. geachtet, die man wahllos an den Berghang gepflanzt hatte. In den ersten Wochen wurden dann und wann die Bäumchen von opferwilligen Schulkindern begossen. Aber als die große Sommerhitze kam, als Menschen und Pflanzen dursteten, da schmolz auch Wille und Idealismus bei diesen Orientalen, die die Üsküber trotz allem sind, dahin und ein Bäumchen nach dem andern verdorrte. Jetzt ist das Land wieder serbisch; die Zigeunerstadt hat wohl die letzten verdorrten Bäumchen im kalten Winter verheizt und die letzte Spur des aufflackernden Idealismus in Mazedonien ist wohl längst verwischt und verschwunden. So war denn all die große Arbeit nutzlos geschehen und keiner der Beteiligten mag je erfahren, daß einem Naturforscher dadurch ein großer Dienst erwiesen wurde.
Bei dieser Gelegenheit konnte ich an vielen Stellen die geringe Dicke des fruchtbaren Bodens messen, sie erreichte selten mehr als 5-10 cm. Darunter kamen sofort Steine und Detritus von Gestein, welches Würmer nicht ernähren konnte. Löcher und Höhlen gab es zwar genug im Erdboden; sie waren aber meist das Werk von Ameisen, welche in Mazedonien bei der Umarbeitung des Bodens sicher viel mehr leisten als die Regenwürmer.
Selbst starke Regengüsse in jenen Wochen zauberten keine Würmer aus dem sterilen Boden hervor. So ist denn wohl sicher anzunehmen, daß Mazedonien im Flachland und in den Hügelgebieten ein sehr regenwurmarmes Land ist. Die Waldarmut des Landes ist sicher die Ursache dieser Erscheinung. Mit dem Wald schwand die Humusbedeckung der Hügel und Täler, wie wir in einem anderen Kapitel besprechen werden.
Nur wo genug Wasser vorhanden ist, um den Boden feucht zu erhalten, gedeihen in diesem Lande Regenwürmer. So fand ich sie nicht selten an Brunnen und Zisternen, auf gut bewässerten Feldern und Wiesen, an Wasserleitungen, an und in Bächen, an Ufern von Seen und Flüssen. Am Wardar bei Hudova z. B. war der Überschwemmungsstrand des Wardar weithin von den Spuren und Löchern einer Wurmart wie mit Zeichnungen bedeckt.
In den hohen Bergen und dort auch in den Wäldern fand ich stets Vertreter dieser im Land sonst so seltenen Tiere.