Das sind gewaltige Leistungen und es ist nicht verwunderlich, wenn Darwin nachweisen konnte, daß durch diese Arbeit der Regenwürmer Steine und andere Gegenstände langsam im Boden versinken, indem die Regenwürmer den Boden unter ihnen wegfressen, ihn aber nur an ihren Rändern an der Oberfläche ablagern können. So führte Darwin das Einsinken antiker Straßenpflaster, von Mosaikfußböden und Häuserteilen auf die Tätigkeit der Regenwürmer zurück.
Daß eine solche intensive Arbeit der Regenwürmer in Ländern unserer Breiten tatsächlich eine große Bedeutung hat, ist in Europa und Amerika vielfach beobachtet worden. Darwin selbst betonte, daß bei der weiten Verbreitung der Regenwürmer, welche auf der ganzen Erde, von den polaren Gegenden bis zum Äquator, in den höchsten Gebirgen und auf den einsamsten ozeanischen Inseln vorkommen, sie wohl eine ähnliche Einwirkung auf den Erdboden in allen feuchten, selbst mäßig feuchten Gegenden haben müßten.
Er selbst sammelte Erfahrungen anderer aus den Tropen, von der Riviera und aus anderen Gegenden. Ich konnte früher mich in Italien, Südfrankreich, in Istrien und in den Tropen an vielen Stellen von dem reichlichen Vorkommen von Regenwürmern und von ihrer Arbeit überzeugen.
Darwin selbst muß aber vermutet haben, daß in trockenen Ländern die Verhältnisse ganz anders liegen müssen; denn in seinem Buch äußert er sein Erstaunen darüber, daß ihm aus einem so trockenen Land wie Neu-Südwales in Australien von massenhaftem Vorkommen von Regenwürmern berichtet wurde.
Er bringt aber keine positiven Angaben über das Vorkommen von Regenwürmern in ganz trockenen Gebieten und auch seither sind darüber keine Beobachtungen gemacht worden, die mir bekannt geworden wären. Sicherlich gibt es in den Wüsten keine Regenwürmer, aber wo Oasen entstehen können, da muß es auch Regenwürmer geben.
Daß es im Sommer schwer war, in Mazedonien Regenwürmer zu beobachten, wird man nach den Schilderungen von sommerlicher Hitze und Dürre, die ich in anderen Kapiteln gegeben habe, verstehen. Der Boden der oberflächlichen Schichten erhitzt sich in Mazedonien während des Tages im Sommer zu Temperaturen, welche nicht nur Regenwürmern, sondern auch anderen Tieren den Aufenthalt in ihm unmöglich machen. Temperaturen von 60-70° C sind in den Monaten Juli bis September im Boden nicht selten zu messen. In der verstaubten und vertrockneten Oberfläche des Landes waren in den Sommermonaten keine Regenwürmer zu erwarten. Diese Tiere sind ja außerordentlich empfindlich gegen trockene Hitze. Ich habe nicht selten in Deutschland Regenwürmer, welche auf eine verstaubte Landstraße geraten waren, elend umkommen gesehen. Immerhin habe ich auch in den Sommermonaten in Mazedonien nach ihnen gesucht, aber niemals im Tiefland fern vom Wasser Spuren von ihnen gefunden. Ich habe viele dichte Gebüsche, deren Boden ziemlich schattig war, manche Wälder, Parkanlagen und Friedhöfe untersucht, aber nie jene Mengen von Kothäufchen der Würmer gefunden, welche man in unserem Lande jederzeit an solchen Orten finden würde.
Dr. Laser phot.
Abb. 63. Schafherde bei Kaluckova.
Es lag also nahe, anzunehmen, daß die Regenwürmer, wie manche andere Tiere Mazedoniens, von denen in einem anderen Kapitel die Rede ist, eine Sommerruhe halten. Schon Darwin gibt an, daß die riesenhaften Exkrementhaufen indischer Würmer, die er beschreibt und abbildet, in jenem Tropenland nur während der Regenzeit ausgeworfen werden. So mußte ich denn vermuten, daß auch in Mazedonien die Regenwürmer während der großen Hitze in der Tiefe der Erde einem Sommerschlaf verfallen sind.