Ameisen bekam ich also während meines Aufenthaltes in Mazedonien in Menge zu sehen. Aber etwas vermißte ich in den ersten Monaten meines Aufenthaltes in diesem interessanten Lande, was wir bei uns gewöhnt sind, mit Ameisen und Ameisenleben stets verbunden zu denken. Ich bekam keinen einzigen Ameisenhaufen zu sehen. Als mir das aufgefallen war, begann ich aufmerksam darauf zu achten, und ich merkte bald, daß hier alle Ameisen, die nicht etwa wie die Holzameisen in Bäumen bauen, sich unter die Erde zurückgezogen hatten. Viele von ihnen hausten unter Steinen. Unter diesen begannen ihre Gänge, die in den Boden hineinführten, auch hatten sie vielfach in dem Hohlraum, der sich etwa unter dem Stein befand, Wände errichtet, so daß Kammern und Gänge entstanden waren. So fand ich die Arten von Tetramorium, Pheidole, Cataglyphis, Plagiolepis, Solenopsis, Tapinoma, Myrmica und Cremastogaster entweder immer oder gelegentlich unter Steinen; sogar eine Art von Formica und zwei solche von Camponotus fand ich im Boden unter Steinen hausend.
Was sonst von Ameisen in der Gegend lebte, lebte auch im Boden, wenn auch nicht unter Steinen. Die Löcher dieser anderen Arten traten aber frei an die Oberfläche und waren im Frühjahr von eigenartigen Ringwällen umgeben. Diese Ringwälle bestanden aus dem Bauschutt, der bei dem Ausgraben der Gänge aus der Erde herausgeschafft worden war. Solche Nester bezeichnet man als Kraternester, weil der Ringwall sich wie der Krater eines Vulkans zu dem Ausgangsloch des Ameisennestes herabsenkt. Die Kraternester waren charakteristisch für eine ganze Anzahl Ameisenarten in den Hügeln bei Kaluckova. Es waren dies vor allem die dort vorkommenden drei Arten der Gattung Messor. Ich will gleich ihre Namen nennen und ihr Aussehen kurz beschreiben. Die häufigste Form war Messor barbarus meridionalis E. André, eine sehr dunkelgefärbte Art; ihr Kopf und fast der ganze übrige Teil des Körpers sind schwarz. Nur der Brustteil, die Knötchen und die Gelenke der Beine zeigen hellbraune Färbung. Die zweite Form Messor oertzeni For. var. amphigea For. ist auch nicht selten, sie fällt durch einen rotbraunen Kopf und Vorderkörper auf, auch ihre Beine haben dieselbe Färbung, während der Hinterleib schwarz ist. Etwas weniger häufig war eine dritte Form Messor barbarus structor Lar. var. mutica Nyl.; sie war ähnlich gefärbt wie die erste, fast noch dunkler am ganzen Körper mit helleren Beinenden.
Abb. 77. Messor barbarus meridionalis. Geschlechtstiere und alle Arbeiterformen um die Nestkrater sich bewegend.
Außer bei diesen drei Arten fand ich ähnliche Kraternester bei Tetramorium caespitum L., Cataglyphis bicolor F. var. orientalis For. und einer gelben Formicina-Art. Es war eine sehr auffällige Beobachtung, daß hier alle Ameisen, die nicht in Bäumen hausten, in der Erde wohnten, und daß keine einzige einen Ameisenhaufen baute.
Abb. 78. Ringwälle (Kraternester) von Messor barbarus meridionalis E. André, bei Üsküb.
Den ersten Ameisenhaufen entdeckte ich, als ich Expeditionen in die Hochgebirge Mazedoniens unternahm. Da fand ich im August 1917 im Schardakh, also im albanischen Grenzgebirge, in der Gipfelregion der Kobeliza, von etwa 1800 m Meereshöhe ab, regelrechte Ameisenhaufen, wie wir sie in unseren Wäldern zu sehen gewohnt sind. Das waren die großen, aus Tannennadeln, Holzstückchen, Erde und allerhand anderem Material aufgebauten Haufen, welche man als die gemischten Nester der Ameisen zu bezeichnen pflegt. Von da an achtete ich bei allen meinen Gebirgsfahrten auf die Ameisenhaufen und fand solche in allen Gebirgen, und zwar jeweils in der Waldregion und niemals in Höhen von unter 1500 m. Eine richtige Entwicklung von Ameisenhaufen war stets erst bei etwa 1800 m Meereshöhe zu beobachten. Als ich diese Haufen untersuchte, fand ich in ihnen die typischen deutschen Waldameisen aus der Gattung Formica, dieselben Arten, welche ich in den Bayrischen Alpen und im Schwarzwald viel gesehen hatte. Es waren Nester von Formica (Rhaphi-formica) sanguinea Latr., Formica rufa L., Formica (Serviformica) fusca L., F. exsecta Nyl. und Varietäten von ihnen.
Diese Beobachtungen machten mir manches klar. Mit den Wäldern hatten diese Waldameisen sich in die Berge zurückgezogen. Ich habe nie einen Vertreter einer Formica-Art im Flachlande Mazedoniens gefunden. Eine einfache Überlegung zeigt, daß hügelbauende Formen in dem trocknen, heißen Tiefland Mazedoniens gar nicht existieren könnten; in der Hitze des Sommers würde das ganze Material des Haufens in Kürze ausgetrocknet und würde von den lokalen Winden nach allen Seiten zerstreut.
Nun fielen mir die feinen Beobachtungen wieder ein, welche Forel an den Ameisenhaufen der schweizer Ameisen gemacht hat, und die interessanten Erwägungen, die er an seine Beobachtungen anknüpfte. Unsere mitteleuropäischen Ameisen brauchen ihre Haufen, darum kann man auf jeder Wiese, an jedem Ackerrand die um Gras und Kräuter aufgebauten Erdkuppeln und in jedem Wald die aus gemischtem Material errichteten kleinen und großen Haufen finden. Sie alle stellen für die Ameisen Wärmesammler dar. In den Erdkuppeln sind es die Sonnenstrahlen, welche den verschiedenen Kammern eine verschiedene Wärme zuführen. In den Haufen der Waldameise wird eine ganz andere Wärmequelle ausgenützt; es ist die Gärungswärme, welche in dem feuchten Pflanzenmaterial dieser Haufen ähnlich wie in zu feucht eingetragenem Heu sich entwickelt. Man weiß ja, daß durch Bakteriengärung im Heu gelegentlich eine solche Hitze hervorgerufen wird, daß Selbstentzündung dadurch bewirkt wird. Ähnliche Gärungserscheinungen erzeugen im Ameisenhaufen Temperaturen, welche oft bis zu 10° C über der Lufttemperatur in der Umgebung erreichen. Ich habe mich selbst durch Messungen von dieser Temperaturerhöhung überzeugt. Diese im Haufen entstehenden, in dessen verschiedenen Zonen verschiedenen Temperaturen, zugleich mit der verschiedenen Feuchtigkeit seiner Schichten nützen die Ameisen bei der Pflege ihrer Entwicklungsstadien aus. Sie heben die Eier in den feuchtesten Regionen, die Larven in den mittleren, die Puppen in den heißesten und trockensten Räumen ihres Haufens auf. Und je nach der Entwicklungsstufe werden die Stadien in die geeigneten Räume gebracht.