Es leuchtete mir ein, daß solche Wärmesammler in dem heißen Klima Mazedoniens unnötig waren und bei der Trockenheit des Sommers gar nicht bestehen konnten; und so war es wohl zu verstehen, daß sie in Mazedonien nur in den regenreicheren Gebirgszonen mit milderem Sommerklima vorkamen.

Abb. 79. Nestausgänge, Abfallhaufen und Straßenbau bei Messor barbarus meridionalis E. André. Kaluckova August 1917.

So war es denn eine große Überraschung für mich, als ich im Sommer 1917 in dem mir so gut bekannten Gelände der Umgebung von Kaluckova Haufen von Pflanzenteilen bemerkte, welche insofern an Ameisenhaufen erinnerten, als viele Ameisen sich daran zu schaffen machten. Ich erkannte sofort in diesen die in der Gegend häufigsten Ameisen, die Messor-Arten. Eine Untersuchung der Haufen zeigte mir, daß es sich nicht um bewohnte Bauten der Ameisen handelte. Sie bestanden aus allerhand locker angehäuften Pflanzenteilen und ich konnte sehen, daß die Ameisen noch an der Vergrößerung der Haufen arbeiteten. Es war eine stark belebte Straße, welche zu dem Haufen führte, und sie kam direkt vom Ausgang eines Nestes her. Wie oft hatte ich in den letzten Wochen gerade diese Ameisen beobachtet, welche in Zügen von vielen Tausenden auf ihren wohlgebahnten Straßen emsig hin und her liefen. Diese Züge bestanden aus ganz verschieden großen Tieren, offenbar verschiedenen Formen der gleichen Art. Die einen davon waren auffallend groß und hatten als auffallendstes Merkmal dicke Köpfe mit mächtigen Kiefern. Die kleinsten waren kaum ein Drittel so groß wie sie, hatten viel kleinere Mundgliedmaßen. Und zwischen ihnen liefen Individuen, die in Größe und Gestalt alle Übergangsformen zwischen diesen Extremen darstellten. Wie schon längst bekannt ist, sind die Messor-Arten Ameisen mit unvollständigem Dimorphismus. Die Dickköpfe sehen aus wie die Soldaten, welche bei den Ameisenarten mit vollkommenem Dimorphismus als besondere Formen vorkommen. Hier auf den Straßen sah man sie sich aber genau wie gewöhnliche Arbeiter benehmen. Sie trugen und schleppten Pflanzenteile aus dem Nestloch auf den Haufen und dabei wurden sie von ihren Kameraden aller Größen mit demselben Eifer unterstützt. Wie in Größe und Gestalt keine scharfen Gegensätze sich zeigten, so waren auch Funktionen und Leistungen bei allen Individuen annähernd die gleichen.

Abb. 80. Besonders großer Abfallhaufen bei Messor barbarus meridionalis E. André. Kaluckova 26. Aug. 1917.

Mit Freuden sah ich, daß ich Körnerameisen vor mir hatte, eine Art jener Körnersammler, die schon seit dem Altertum die Phantasie der Völker beschäftigt haben. Ich beschloß sofort diesen Tieren besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihre Lebensweise möglichst genau zu untersuchen auf die Gefahr hin, daß ich nur längst bekannte Beobachtungen bestätigen könnte. Im Verlauf meiner Forschungen konnte ich auch manche Dinge feststellen, die noch unbekannt waren.

Während der Jahre 1917 und 18 habe ich ihr Leben während aller Jahreszeiten verfolgt. Im Winter allerdings waren sie verschwunden und hielten ihren Winterschlaf unter der Erde. Ich konnte feststellen, daß der Boden in den Tiefen, in denen sie lebten, gefroren war; die ganzen Ameisenvölker befanden sich in den kalten Wintermonaten Dezember und Januar in einem Zustand der Winterstarre. Diese hielt durchaus nicht den ganzen Winter hindurch gleichmäßig an, sondern sowie wärmeres Wetter eintrat, sobald die Sonne heiß auf die von ihnen bewohnten Hänge schien, wagten die Ameisen sich heraus. Aber es war Zufall, wenn man sie dann bemerkte; denn während des Winters sah man keine Spur von ihren Bauten, Wind und Regen hatten die Eingänge der Nester zugeschwemmt. Auf der Spitalwiese in Üsküb, unter deren Boden sich eine Menge von Nester befanden, war im Winter keine Spur von diesen zu bemerken. Die ganze Oberfläche bestand je nach der Witterung aus Staub oder Schlamm. Mehrere Wochen lang war die Wiese sogar mit einer hohen Schneeschicht bedeckt.

Aber schon Anfang Februar konnte ich beobachten, daß an einem sonnigen Hügel bei Üsküb an einigen Stellen die Körnerameisen den Eingang ihres Nestes wieder geöffnet hatten. In diesem in Mazedonien meist noch sehr winterlichen Monat trugen sie bereits Schutt aus ihrem Nest heraus, häuften ihn um den Ausgang an, glätteten diesen und begannen ihre Ausflüge in die nächste Umgebung. Da setzte ein gewaltiger Wetterrückschlag ein, die Ameisen wurden in ihre Bauten zurückgetrieben und ruhten noch einmal fast 2 Monate unter 20 cm tiefem Schnee. Anfang April kam endlich ihr Leben von neuem in Gang. Das galt im Jahre 1918 für das nördliche Mazedonien. Im Süden, also bei Dedeli und Gewgeli, waren sie schon einige Wochen früher munter.