Abb. 81. Geflügelte Königin mit verschiedenen Arbeiterformen im Fieldenest (Messor barbarus meridionalis E. André).

Gerade grünte das Gras wieder auf der Spitalwiese, die Krokusblüten waren schon beim Welken, da kamen die ersten Arbeiter der Körnerameisen aus dem Boden. Durch feine Spalten wühlten sie sich empor und begannen sofort ihren Körper zu putzen. Vorsichtig und langsam liefen sie in der Nähe des Nestausgangs umher, schlüpften aber bald wieder in die Tiefe. Nach kurzer Zeit war aber schon viel Bewegung um den Nestausgang. Dieser hatte schon etwa 1 cm Durchmesser und man konnte von ihm aus in den Gang hineinsehen, welcher fast senkrecht aus der Tiefe emporführte. An seinen Wänden stiegen nun Mengen von Ameisen empor und jede von ihnen trug Erdkrümchen und kleine Steinchen zwischen ihren Kiefern. Kaum waren sie oben, als sie mit einem eigentümlichen Nicken ihre Last abwarfen, sofort Kehrt machten, um wieder in die Tiefe zu steigen und bald mit neuer Last zurückzukehren. Dadurch entstand sehr bald um den Ausgang des Nestes ein Ringwall aus diesem Bauschutt, den die Tiere aus ihrem Nest ausräumten. Offenbar hatten sie angefangen die Gänge und Kammern zu reparieren und vielleicht auch schon Neubauten auszuführen. Es war ein ganz eigenartiger Anblick, wie auf der ganzen Wiese und im Lande ringsumher auf allen Hügeln diese Ringwälle zu Hunderten und Tausenden auftraten. Es waren trockene Tage und die Erde an der Oberfläche schon hart und staubig. Unten mußte sie aber noch feucht sein, und so hoben sich denn alle diese Ringwälle mit lebhafter Farbe von der Bodenoberfläche ab; bald waren sie rot, bald leuchtend gelb, bald schwarz oder braun, je nach dem Charakter des Untergrunds. Ich habe schon oben erwähnt, daß nicht nur die Messor-Arten, sondern auch verschiedene andere mazedonische Ameisen solche Kraternester bauen.

Je nach dem Feuchtigkeitsgrad und der Gesteinszusammensetzung waren die Ringwälle flacher und niedriger oder steiler und höher. Bei Dedeli sah ich im Mai 1918 Wälle, die mit steilen Wänden eine Höhe von 3-4 cm erreichten und dabei einen ganz kleinen Kreis umschlossen.

Bei trockenem und windigem Wetter wurden sie oft schon nach kurzer Zeit weggeblasen, bei Regen weggeschwemmt, wobei nicht selten der Eingang des Nestes verstopft wurde und den Ameisen neue Arbeit erwuchs. Selten buken die Erdteilchen fester zusammen, so daß geradezu Mäuerchen entstanden, welche dann etwas dauerhafter waren. Das war besonders bei lehmigem Untergrund der Fall. Trotzdem glaube ich nicht, daß mit diesen Ringwällen ständige Bauten beabsichtigt sind, die einen besonderen Zweck verfolgen. Das wurde von einem Beobachter (Diehl) vermutet, als er sah, daß bei Nestern von Messor arenarius halbkreisförmige Wälle die Regel waren, welche mit ihrer geschlossenen Seite nach der häufigsten Windrichtung gerichtet waren. Solche einseitigen Wälle habe ich auch an manchen Stellen beobachtet; es war dies aber nur dann der Fall, wenn der Gang zur Öffnung des Nestes aus dem Boden schief an die Oberfläche stieg. Dann entstanden besonders am Abhang von Hügeln einseitige Teilwälle, welche wie die Schutthalden eines Bergwerkes aussahen.

Erinnern wir uns an die Art, wie die am Ringwall bauenden Ameisen ihre Sandkörner oder Erdklümpchen jedesmal gerade an der Stelle abwerfen, vor der sie aufrecht aus dem Nestloch hervortreten, so verstehen wir, daß sie, am Boden des schiefen Aufgangs laufend, die Körner stets nach einer Seite abwerfen mußten. In den senkrechten Gängen dagegen hatten sie beim Klettern alle Seiten des Ganges zur Verfügung, alle waren für sie gleich steil und gleich mühsam zu ersteigen; und so warfen sie eben ihre Last nach allen Richtungen ab. So werden wohl in dem einen Fall die vollen Kreise, im anderen Fall die Halbkreise entstehen. Später habe ich in dem Buche von Passarge über die Kalahariwüste gelesen, daß dieser Forscher in diesem ähnlichen Klima eine entsprechende Bautätigkeit bei den dort lebenden Ameisen beobachtete und zu derselben Annahme über die Entstehung der verschiedenen Wälle kam. Noch dazu erhielt ich eine unerwartete Bestätigung durch meinen Assistenten Dr. Koehler, als er aus ägyptischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Er und seine Kameraden hatten dort oft genug Gelegenheit, durch den Stacheldraht ihres Gefangenenlagers die Ameisen zu beobachten, wie sie vorn am Nestloch ihr Klümpchen zusammengeklebten Sandes von sich warfen, wenn sie im Nestgang schief aufsteigend etwa in der Mitte des Lochs herauskamen. Oft bogen sie schief zur Seite und warfen ihre Last seitlich ab, so daß auf diese Weise der halbmondförmige Wall entstand.

Wenn die Ringwälle im Frühjahr in Mazedonien in so großen Mengen auftreten und so rasch wachsen, dann herrscht in den Nestern regste Bautätigkeit. Es werden Kammern gebaut, Verbindungsgänge angelegt und alles für die große Fortpflanzungszeit im Sommer vorbereitet.

Abb. 82. Geschlechtstiere von Messor barbarus structor Latr. oben ♀, unten ♂. (Verg. 3 mal.)

Anfang April 1918 erlebte ich den Hochzeitstag der Messor-Völker in Nordmazedonien. Da gab es viel Leben um die Ringwälle herum; in allen Nestern herrschte große Erregung. An einem Tage (am 10. April) frühmorgens sah ich aus zahlreichen Kratern in der Nähe meines Quartiers in Üsküb geflügelte Ameisen hervorkommen, und zwar waren es gleichzeitig die mächtigen dickleibigen Weibchen und die viel kleineren, schlankeren Männchen. Im hellen Sonnenschein des frühen Morgens begann der Hochzeitsflug, welcher die Tiere nicht sehr weit führte. Bei diesen Arten gibt es keine weite Hochzeitsreise auf einen Berggipfel oder zu sonst einem hochragenden Gegenstand, wie sie bei vielen unserer Ameisen die Regel ist. Hier findet die Begattung ganz in der Nähe des Nestes statt. Die Geschlechtstiere finden und begatten sich in der Luft. So sinken sie denn bald nicht weit von ihrem Nest wieder zum Boden nieder. Da sah man in den nächsten Stunden viele der Männchen sterbend am Boden liegen; denn nach dem Begattungsakt ist ihr kurzes Leben in Freiheit, Licht und Sonne beendet.

Die Weibchen dagegen verlieren am Boden, manchmal sogar noch während des Niederschwebens ihre Flügel; man sieht sie am Boden oft schon flügellos anlangen oder dort mit einem oder gar noch beiden Flügeln herumlaufen, um sie dann bald zu verlieren.