Nun ist die Königin befruchtet und bereit, einen neuen Staat zu gründen. Nach meinen Beobachtungen ist es möglich, daß befruchtete Königinnen bei den Körnerameisen wieder zu ihrem eigenen Volk zurückkehren oder bei einem fremden Volk aufgenommen werden. Ich sah wenigstens am Hochzeitstage selbst flügellose Königinnen in Nesteingänge eindringen, ohne daß die Insassen sie abwehrten oder irgendwie feindlich behandelten.
Abb. 83. Kleines Nest mit Erstlingskammer von Messor barbarus meridionalis.
Meine Beobachtungen, die ich an Königinnen in künstlichen Nestern machte, lassen es wahrscheinlich erscheinen, daß bei den Körnerameisen etwas Derartiges möglich ist. Ich erzielte bei keiner isolierten Königin eine selbständige Staatengründung, wohl aber nahm diese einen hoffnungsvollen Anfang, wenn ich eine Königin mit mehreren Arbeitern eines fremden Volkes zusammen einsperrte. Vereinigte ich mehrere Königinnen ohne Arbeiterhilfe, so nahm die Fortpflanzung keinen regelrechten Fortgang und es kam nicht zu einer rechtzeitigen Entwicklung hilfreicher Arbeiter, um die Entstehung des Staates zu sichern. Dieser Mißerfolg dürfte aber nach späteren Erfahrungen an deutschen Ameisenarten darauf zurückzuführen sein, daß ich zu große Nester anwandte. Die Vorräte an Reservesubstanzen im Körper der Messor-Königinnen lassen doch annehmen, daß auch diese fähig sind, allein einen neuen Staat zu gründen.
Ist das große Hochzeitsfest vorbei, so findet man in den Bauten der Körnerameisen nur mehr befruchtete Weibchen und alle verschiedenen Formen von Arbeitern. Männchen und geflügelte Weibchen sind dann nicht mehr da und fehlen bis zum Ende des Sommers, wo sie wenigstens als Puppen wieder auftreten.
Abb. 84. Nest von kleinem Volk von Messor barbarus meridionalis.
Vom April an beginnt die Zeit intensiver Vermehrung im Bau der Körnerameisen. Eifrig wird für die Versorgung der hungrigen Larven vorgesorgt, die im Neste entstehen sollen. Schon in den ersten Tagen nach der Öffnung des Nestes haben die Arbeiter begonnen von ihren Ausflügen allerhand mitzubringen; und zwar waren das stets entweder getötete Insekten und andere Tiere, oder es waren Pflanzenteile. Die Körnerameisen sind äußerst räuberische Tiere; sie lieben Fleischkost sehr und wenn sie ein Tier überwältigen können, so benützen sie es als bevorzugte Nahrung. Im Frühling in Mazedonien fehlt es ihnen nicht an Beute; bis in den Sommer hinein gibt es genug Insekten von einer Größe und von Körperkräften, welche sie überwinden können. So finden sie denn für sich selbst den Tisch reichlich gedeckt.
Abb. 85. Plan eines großen Baues von Messor barbarus meridionalis.