Trotzdem sieht man sie schon in den ersten Frühlingstagen ihrem eigentümlichen Sammelinstinkt folgen. Sie schleppen allerhand Dinge in ihren Bau hinein. Es war höchst erstaunlich zu beobachten, wie sie an frisch aufgeblühten Graspflänzchen am Halm hinaufkletterten und oben Blüten und unreife Samen abpflückten und geschäftig zum Neste schleppten. Auch Teile der Grasblätter und Grashalme, die sie vorher zerschnitten hatten, trugen sie zum Nest. Ja hier und da sah man einen Arbeiter sich mit einem halbverfaulten vorjährigen Samen oder irgendeinem anderen unbrauchbaren Gegenstand sich abquälen.
Abb. 86. Schema eines Nestes von Messor barbarus meridionalis mit mehreren senkrechten Ausgangsröhren und großen Vorratskammern.
Abb. 87. Freie Stelle am Nestausgang. Darunter Abfallhaufen. Nest von Messor barbarus meridionalis E. André. Kaluckova 26. Aug. 1917.
Allmählich, wie das Frühjahr fortschritt, verblühten immer mehr einjährige Pflanzen und trugen Samen. Nun ging die große Erntezeit für die Ameisen los. In der ganzen Umgebung des Nestes wurden wohlgebahnte Straßen angelegt, in ihnen waren die Pflanzen ausgerodet und um alle Hindernisse gingen sie im Bogen herum. Bei dem Straßenbau waren Arbeiter aller Größen beteiligt. Immerhin waren es vor allem die Mittelgroßen, welche bei dieser Arbeit vorherrschten. Auf den Straßen entfaltete sich nun bald ein lebhaftes Treiben. In großen Zügen wanderten die Ameisen vom frühen Morgen an in die Umgebung hinaus und bald schon begegneten ihnen schwer beladene Nestgenossen, welche Beute eintrugen. An alle Pflanzen der Umgebung machten sie sich heran, pflückten die Samen, die Schoten, die Ähren und Blütenstände ab und warfen sie auf die Erde herunter. Und unten warteten schon andere Messor-Arbeiter aller Größen, zerschnitten die Pflanzenteile, beluden sich mit ihnen und wanderten zum Nest zurück. Oft sah man einen kleinen Arbeiter sich mit einer ganzen Grasähre abschleppen, andere trugen Schoten, Kapseln, Doldenteile und die verschiedensten Sorten von Früchten. Je heißer der Tag wurde, desto schneller und eifriger ging die Arbeit vor sich und im Frühsommer sah man sie in den heißen Mittagsstunden die Straßen entlang geradezu hasten. Hier und da schleppten Gruppen von Ameisen einen langen Grashalm; dabei wie bei dem ganzen Erntegeschäft waren Tiere aller Größenordnungen beteiligt. Schon frühere Beobachter haben festgestellt, daß die Körnerameisen die Samen aller in der Umgebung wachsenden Pflanzen eintragen, und daß man nicht selten 30-40 Arten von Pflanzensamen im Neste nachweisen kann.
Abb. 88. Ringförmiger Abfallhaufen um den Nestausgang eines Nestes von Messor barbarus meridionalis E. André. Kaluckova 26. Aug. 1917.
Hat man am frühen Morgen zu beobachten angefangen, so sieht man nach einiger Zeit das Bild sich ändern. Nun sind auch die aus dem Nest kommenden Ameisen schwer beladen, aber sie haben keinen so weiten Weg als die mit der Ernte einziehenden. Sie legen ihre Last in der Entfernung von 50 cm bis höchstens einem Meter vom Nesteingang ab. Und ebenso schnell wie beim Bauen der Ringwälle kehren sie um, nachdem sie, was sie trugen, schnell abgeworfen haben und rennen zum Nest zurück, um neue Last zu holen. Was sie hinausschleppen, das ist Abfall; die leeren Schalen, Schoten, Kapseln der vorher eingetragenen Samen, es sind die Grannen und Spelzen von den Grasähren, dazu kommt allerhand Unnützes, was sie mitgenommen hatten. Denn es kommt häufig vor, daß die Körnerameisen im Eifer alle möglichen Dinge in ihr Nest tragen, die sie dort nicht brauchen können. So hat man in anderen Ländern gesehen, daß sie Beine und Flügel von Käfern, Schneckenschalen, Kuhmist in die Nester schleppen; und ich habe ja oben schon beschrieben, daß sie im Frühjahr auch unreife Samen, selbst Blütenteile, Blattstücke u. dgl. eintragen. Es sind das wohl psychologisch sehr interessante Schwankungen und Irrungen des Sammelinstinkts.
Die Sortierung des Unnützen von dem Wichtigen findet erst im Nest statt; was unbrauchbar und irrtümlich eingetragen war, wird in den Kammern aussortiert und aus dem Nest wieder beseitigt.