Nun wußte ich also, was die vermeintlichen Ameisenhaufen waren, die mich ursprünglich so überrascht hatten. Es waren die Abfallhaufen der Körnerameisen; diese erreichten oft eine Höhe von 30, 50 selbst 80 cm Höhe, sie waren ein Zeichen der Arbeitsleistung, die von den Insassen eines Nestes vollbracht worden war. Die Pflanzenteile trocknen auf den Abfallhaufen sehr bald aus, und werden dann wie feingeschnittes Heu leicht vom Wind fortgeblasen. Die Haufen sind kein wesentlicher Bestandteil der Bautätigkeit der Ameisen, sie entstehen und vergehen, ohne daß die Ameisen sich weiter um sie kümmern. Diese laufen ja nur auf der Oberfläche herum und kaum jemals dringt eine von ihnen freiwillig in das Innere des Haufens ein. Meistens liegen die Abfallmassen in der Nähe des Nestes; liegt dieses am Abhang, dann befinden sie sich abwärts von ihm. Während der eifrigsten Arbeitszeit entsteht auch manchmal ein Ringwall aus den Abfallmassen, ähnlich wie bei den Erdbauten, auch da kommt es vor, daß ein solcher Wall halbmondförmig ausfällt, wenn das Nest am Abhang liegt und die Tiere unmittelbar neben dem Loch den Abfall abwerfen. Dann müssen sie allerdings später wieder aufräumen, um ihre Straßen frei zu bekommen.

Um festzustellen, was die Ameisen im Nest mit dem Resultat ihrer Sammeltätigkeit anfingen, mußte ein Nest aufgegraben werden. Das geschah unter meiner Aufsicht viele Male zu den verschiedenen Jahreszeiten, um die verschiedenen Geschehnisse im Nest verfolgen zu können. Es war keine einfache Arbeit, besonders im Sommer, in die ausgetrocknete harte mazedonische Erde einzudringen. Mit Hacke und Schaufel hatte man zu arbeiten, obwohl die Nester nicht sehr tief im Boden lagen, 1-1½ m erstreckten sich die Gänge und Kammern in die Tiefe. Von der Ausgangsöffnung ging ein ungefähr 2 cm weiter Gang etwa 30 cm fast senkrecht hinunter. Seine Wände waren schön geglättet; er hatte einen meist kreisförmigen Querschnitt, von ihm gingen kleinere Seitengänge ab. Diese führten in gewölbte Kammern, die vielfach einen auffallend ebenen, glatten Boden hatten. Je nach der Jahreszeit und je nach dem Volksreichtum des Nestes waren mehr oder weniger Kammern aufzudecken. Bei jungen Völkern war es oft nur eine einzige oder 4-5, bei starken Völkern fand ich 30-40 Kammern. Die Härte und Undurchdringlichkeit der Erde für Wasser ermöglicht es den Tieren ohne Gefahr der Überflutung ihre Nester so oberflächlich anzulegen. Nach tagelangem Regen fand ich das Wasser oft kaum 3 cm tief in den Boden eingedrungen.

Abb. 89. Vorratskammern und Gänge im Nest von Messor barbarus meridionalis E. André. Kaluckova August 1917.

In Nestern, welche ich im Hochsommer aufgrub, fand ich die obersten Kammern alle vollgestopft mit frisch eingebrachtem Rohmaterial. Es waren dies Ähren, Schoten, Samenkapseln, Doldenstücke vieler Pflanzenarten. Hier hatte ich also das Stockwerk der Scheunen erreicht, in denen zunächst alles abgelagert wurde, was draußen eingesammelt worden war. Während noch eifrig hereingeschleppt wurde, war eine ganze Schar von Ameisen beim Putzen des Getreides tätig. Hier wurde also sozusagen gedroschen. Es war ein entzückender Anblick, den Tieren zuzusehen, wie sie die Körner aus den Ähren herausnahmen, wie sie die Schalen abschälten, die Kapseln öffneten und die sauberen Samen aus den Schoten herausholten. Diese Arbeit wurde mit ihren Kiefern ausgeführt. Mit diesen zerknackten sie die Schalen, bogen und brachen Teile ab, griffen die Samen und legten sie zur Seite.

Abb. 90. Nestkammern von Messor barbarus meridionalis E. André. Kaluckova August 1917.

In den Scheunen waren wieder Arbeiter aller Größen tätig. Allerdings überwogen etwas die kleinen und kleinsten Typen; letztere waren es vor allem, welche die sauber geputzten Körner aus den Scheunen in die tiefer gelegenen Getreidespeicher schleppten. Unterdessen war ein Menge anderer Arbeiter schon dabei, die Abfallstücke durch die Gänge aufwärts, aus dem Nest heraus und auf den Abfallhaufen zu schaffen.

Dabei war es nun sehr merkwürdig, daß hier im Innern des Nestes zwischen Nützlichem und Unnützen sehr gut unterschieden wurde. Unreife Samen, Blumenblätter, Schneckenschalen, Stücke von Insektenkörpern wurden ausgesondert und auf den Abfallhaufen getragen. Hier fand also eine viel feinere Unterscheidung statt, als draußen unter dem Einfluß des Sammelinstinkts.

Hatten die Ameisen in der Nähe ein geeignetes Erntefeld mit einheitlichem Wachstum gefunden, so fanden sich oft in den Kammern sauber aussortiert die Samen nur einer Pflanze. So entdeckte ich z. B. einmal Wickensamen, ein andermal Grassamen in fast allen Kammern eines Nestes als einziges Ernteresultat. Und vor allem konnten andere Beobachter eine solche Einheitlichkeit der Vorräte feststellen, wenn das Ameisennest in der Nähe eines Getreidefeldes sich befand. Dann waren oft große Massen von Weizen-, Gerste- oder Roggenkörnern schön reinlich in den Kammern aufgeschichtet.