Steigt man aus dem Schatten der Schlucht an den Abhang des Berges hinauf, in dessen Flanke sie sich eingewühlt hat, so überblickt man rings in der Landschaft die Wirkungen der Kräfte, welche die Entstehung der Schluchten bedingten. Überall kahle, zerrissene Hügel und Berge, waldlos und steinig. Typisch und charakteristisch sind die welligen Hänge von fast einander parallel verlaufenden Schluchten modelliert, Lehrbuchbilder der Erosionswirkung. Unwillkürlich steigt einem der Gedanke auf: Wie ganz anders würde der Balkan aussehen, existierten die Schluchten nicht und mit ihnen die Bedingungen, welche ihr Werden verschuldeten.

Abb. 103. Süßwasserkrabbe (Potamon fluviatilis var. edule Latr.). Weibchen mit Jungen unter dem Hinterleib und auf dem Rücken.

DREIZEHNTES KAPITEL

IM HAIN MAMRE

STRUMIZA. BELASIZA PLANINA. GEWGELI.

Nicht weit von Dedeli, dem Endpunkt der von unseren Truppen gebauten Seitenstrecke der Wardarbahn, lag in einem schönen Hain aus Ulmen und Eichen das Oberkommando der I. Bulgarischen Armee. Im Heere nannte man dies Wäldchen den Hain Mamre; wie dieser Name entstanden ist, war nicht herauszubringen. Zum Oberkommando gehörte der deutsche Führer der Spezialwaffen, Generalleutnant Posseldt. Dieser hatte mich bei Gelegenheit eines Ausflugs, den ich mit den Kollegen beim Hochschulkurs in Üsküb zu ihm gemacht hatte, eingeladen, meine Arbeitsstätte für einige Zeit bei ihm aufzuschlagen.

So war ich Ende April 1918 im Hain Mamre eingezogen, wo ein reizendes Quartier für mich bereit stand; meine Hilfskräfte waren bei einer benachbarten Abteilung untergebracht. Es war eine ergebnisreiche, schöne Zeit, die ich in den nächsten 5 Wochen dort verbrachte.

Der Hain Mamre stellte im baumarmen Südmazedonien eine richtige Oase dar. In dem kühlen Schatten der uralten Bäume war auch im Sommer gut arbeiten. Auch die Umgebung hatte ihre Reize; wenige Kilometer vom Hain talaufwärts entsprang der Kosludere als kräftiger Bach einer Felsenwand. Sein Wasser verhalf dem ganzen Tal zu einer reichen Vegetation und ermöglichte einen gute Ernten bringenden Anbau. Ein Bild von diesem reichen schönen Tal gab ich schon im fünften Kapitel.

Was den Aufenthalt im Hain Mamre für mich so erfolgreich und genußreich machte, war vor allem die Persönlichkeit des Generals Posseldt. Unter den ehrwürdigen Bäumen des Hains dehnte sich ein Dorf von Baracken aus; nein, eher einer Villenvorstadt könnte man das Bild vergleichen, das die kleinen, in geschmackvollen Verhältnissen gebauten Häuschen darboten, welche die Wohnungen und Kasinos für Offiziere, Schreibstuben, Zeichensäle, Kartenräume, photographische Abteilungen, Werkstätten, Küchen usw. des Armeeoberkommandos beherbergten. Alles stand im gehörigen Abstand voneinander, so daß dazwischen Raum blieb für allmählich im Laufe der Zeit entstandene wohlgepflegte Rasenflächen und Blumenbeete. Manche der Häuser glichen kleinen Villen in einer Sommerfrische.