Zur I. Armee gehörte die Front von der Belasiza Planina und dem Doiransee bis in die hohen Gebirge westlich des Wardar. So war der Hain Mamre ein geeigneter Ausgangspunkt für meine Forschungen in diesen Gebieten. Mehrere der jungen Offiziere hatten starkes Interesse für meine Arbeiten, sammelten Tiere für mich, begleiteten mich auf Exkursionen oder forderten mich auf, ihre Fahrzeuge oder Pferde bei Dienstreisen an die Front mit zu benützen. Und so habe ich mit ihnen manchen Ritt und manche Fahrt gemacht, die mich in Gebiete brachten, welche mir sonst unzugänglich gewesen wären.

Zunächst bot der Hain selbst und seine nähere Umgebung Gelegenheit zu vielen Beobachtungen. Mit der reicheren Pflanzenwelt war hier auch eine große Mannigfaltigkeit in der Tierwelt entwickelt. Wieder bestätigte sich die Erfahrung des vorigen Jahres, daß hier im Süd-Wardargebiet die nördlichen Elemente der Fauna zurücktraten und dafür die südöstlichen Formen mehr und mehr überwogen. Das machte sich in allen Gruppen bemerkbar, bei Reptilien und Vögeln wie bei Insekten besonders auffällig. Ich will einige Beispiele davon geben, indem ich meine Erfahrungen in dem ganzen Gebiet zwischen Doiransee und Wardar südlich bis Gewgeli zusammenfasse; dabei zeigt sich eine nördliche Grenze etwa zwischen Mravinca und Valandova, über welche hinaus merkwürdigerweise manche Formen nicht beobachtet wurden.

Sehr reich war die Vogelwelt an auffallenden und interessanten Formen; nachdem einmal die Offiziere darauf aufmerksam gemacht waren, bemühten sie sich, unsere ornithologischen Sammlungen zu bereichern. Wie im vorigen Jahre waren die Blauraken (Coracias garrulus garrulus L.) häufig und wetteiferten mit ihrem blauen Glanz mit den Bienenfressern (Merops apiaster L.), welche erst Ende Mai vom Zug heimkehrten, sofort aber durch ihre Prachtfärbung und ihren eigenartigen Flug auffielen. Ein großer Schwarm hatte sich nahe dem Hain niedergelassen und erfreute uns täglich beim Morgenritt mit seinem raschen Flug, der ihn in wenig Minuten über das ganze Tal hinwegtrug. Wie überall in Mazedonien war auch hier der bunte Wiedehopf (Upupa epops epops L.) ein häufiger Vogel. Bei seiner geringen Scheu war er nicht zu übersehen. Ein später Ankömmling war auch die Kappenammer (Emberiza melanocephala Scop.), die plötzlich in großer Zahl auftrat und bald am Nestbauen war. Es war ein reizendes Bild, wenn die leuchtend gefärbten Männchen mit ihren schwarzen Mützchen hoch auf den Gipfeln von Büschen und Obstbäumen saßen ([Abb. 106]). Girlitz (Serinus canaria serinus L.), Grünling (Chloris chloris mühlei Parrot), und besonders der Ortolan (Emberiza hortulana L.) waren ziemlich häufig in der unmittelbaren Umgebung des Hains. Kopfzerbrechen machte uns ein Brachpieper (Anthus mosellanus vierthaleri Brehm), den wir bei Dedeli fanden. Um den Hain herum war die Haubenlerche, wie überall in Mazedonien, sehr häufig (Galerida cristata meridionalis Br.). Ein interessanter Fund war eine Form der Kurzzehenlerche (Calandrella brachydactyla moreatica Mühlb.) auf dem trokkenen Gelände der Hügel.

Abb. 106. Kappenammer ♂ (Emberiza melanocephala Scop.). Verkl. ½.

Abb. 107. Lanius nubicus Licht. Der Maskenwürger. Verkl. ½.

Dieselben Würger, welche im vorigen Jahr in der Ebene von Hudova so häufig gewesen waren, waren auch hier in Mengen vertreten. Auf jedem Strauch, der etwas über seine Umgebung hervorragte, sah man ihre herausfordernde Silhouette auf der höchsten Spitze. Überall hörte man ihren grellen Schrei und an den Dornbüschen, ja selbst an den Stacheldrähten militärischer Anlagen sah man vielfach ihre Insektensammlungen aufgespießt. Zu ihnen gesellte sich als noch auffallendere Erscheinung Lanius nubicus Licht., der Maskenwürger, ein Vogel von dunkler Farbe mit eigentümlichem Schnabel, ein weiteres südliches Element der Ornis ([Abb. 107]). Da wo die Mohnfelder blühten und die Baumwolle gedieh, traten Ende Mai große Flüge des rosenroten Rosenstars (Pastor roseus L.) auf. Hier wanderte der osteuropäische Vogel ebenso unstät umher, wie er gelegentlich auch in Deutschland auftaucht. Brüten sahen wir ihn nicht.

Im Park selbst war eine große Meise, die Trauermeise (Parus lugubris lugubris Temm.), ein Bewohner der hohen Bäume. Hier zeigte sich auch der Fliegenschnäpper (Muscicapa striata striata Pall.), der Berglaubvogel (Phylloscopus bonelli orientalis Brehm), die Baumnachtigall (Agrobates galactodes syriaca Hempr. u. Ehrenbg.) und Aëdon megarhynchus megarhynchus Brehm. Das war eine eigenartige Gesellschaft, die wir nicht ohne weiteres hier erwartet hätten.

Weniger erstaunlich war es, daß gelegentlich ein großer Buntspecht (Dryobates major balcanicus Gengl. u. Stres.) an den Bäumen des Hains sich zu schaffen machte.