[47] Gegen eine verwandte Ableitung hatte auch schon Bedenken Pa.-Sabas, „Über die Mysterien der griechischen Buchstaben“, ed. Hebbelynck, Muséon N. S. I (1900) p. 21 f.: „Man gibt den Buchstaben den Namen Elemente (στίχος!) nicht deshalb, weil sie selbst nicht mehr in Elemente zerlegbar sind (d. h. die kleinste Schrifteinheit sind), wie die Weisen der Griechen in ihrer Hohlheit gedacht haben, sondern weil in ihren Zügen sich die Form der Elemente der erschaffenen Welt findet.“

[48] Cumont, Textes et Monuments I 6; Dieterich, Mithrasliturgie 2. Aufl. S. 64; Diels Elementum 45; Cumont-Gehrich, Die Mysterien des Mithra² 1911 S. 104 f.

[49] Zuerst bei Hippobotos, einem Schriftsteller des ersten Jahrh. v. Chr., der nach Diog. Laert. VI 102 von dem Hute des Menedemos, des Stifters der Philosophenschule von Eretria, sagte, auf ihm seien die zwölf στοιχεῖα abgebildet gewesen (Diels S. 45, Lagercrantz S. 62). Diesen Sprachgebrauch deutet Lagercrantz auf Grund von Tatian, orat. ad Graec. 9 στοιχείωσις δὲ αὐτοῖς ἡ ζώωσις ἦν zu übersetzen: zur Stützung diente ihnen (den Planeten) das Bevölkern des Himmels mit Tieren (S. 60 und 73).

[50] Nach Diels ist dieser Wandel der Wortbedeutung auf dem Umweg über den grammatischen Gebrauch von στοιχεῖον als Bezeichnung von „Buchstabe“ erfolgt. Den aus Nikomachos von Gerasa belegten Satz von Diels S. 44: „So hat an ältere Schrullen der Pythagoreer anknüpfend die neupythagoreische Schule das Alphabet an den Himmel versetzt“, hätte Lagercrantz noch mit folgendem chronologischen Argument widerlegen können: In einem Auszug aus Vettius Valens, dem Astrologen aus dem 2. Jahrh. n. Chr., steht zu lesen, daß im Gegensatz zu einem verwickelten Verfahren des Vettius die ἁρχαῖοι die Tierkreisbilder mit je zwei Buchstaben bezeichneten in der Anordnung Α Ν, Β Σ usw. bis Μ Ω. Mit den ἁρχαῖοι sind in der astrologischen Literatur meist „Nechepso und Petosiris“ gemeint. Also wahrscheinlich schon diese Begründer der griechischen Astrologie im 2. Jahrh. v. Chr. und durch die Tatsache, daß στοιχεῖον „Buchstabe“ und „Tierkreiszeichen“ bedeuten konnte, dazu bewogen worden, diese miteinander in Beziehung zu bringen (s. darüber unten in dem Abschnitt über Astrologie).

[51] Schlagend spricht für Lagercrantz die Stelle in Anonymi Byz. Παραστάσεις ed. Preger (Progr. d. Kgl. Max-Gymnas. München 1898) p. 33, 12 § 72 ὁ λεγόμενος Νεώριος ὁ ϰαὶ Ἀρϰάδιος, ὃν Κόνων ἐστοιχειώσατο, wo auch Diels das letzte Wort durch „bauen“ übersetzte.

[52] 16⁰-Ausgabe von 1552 S. 214.

§ 4. KINDHEITSMYSTIK

Noch eine letzte mögliche Wurzel der Buchstabenmystik möchte ich andeuten. In viel stärkerem Maße als es heute m. W. geschieht, wurde im Altertum und bis ins 18. Jahrhundert auf das Erlernen des Alphabetes bis zur virtuosen Beherrschung Wert gelegt.[53] Während für uns die Alphabetreihe nur für Verzeichnisse und Lexika wichtig ist, war sie für den antiken Menschen auch die Folge der Zahlen[54], und das hatte, wie wir sahen, infolge der pythagoreischen Lehren in Altertum und Mittelalter keine bloß praktische Bedeutung. Wir hören, daß man das Alphabet an der Schule vor- und rückwärts einübte und in der Reihenfolge Α Ω Β Ψ Γ Χ usw.[55] Die Beschäftigung mit den Buchstaben war also etwas, das ein Wesentliches der Kindheit bezeichnet, und daß Kindheitserinnerungen auf assoziativem Weg zu Faktoren im religiösen Leben der Erwachsenen werden können, ist bekannt.

Albrecht Dieterich hat in seiner „Mithrasliturgie“ über das „liturgische Bild“ der Gotteskindschaft schöne Sammlungen vorgelegt. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Zeugung durch die Gottheit und Geburt aus ihr. In der spätantiken, besonders der christlichen Mystik haben auch Dinge, die mit dem Kindesalter zusammenhängen, einen religiösen Gefühlston. Christus selbst hatte gesagt: ἐὰν μὴ στραφῆτε ϰαὶ γένησϑε ὡς τὰ παιδία, οὐ μὴ εἰσέλϑητε εἰς τὴν βασιλείαν τῶν οὐρανῶν Mt. 18, 3 Lc. 18, 17. Dies Wort hat man nicht immer in seiner einfachen Tiefe verstanden. Christus fungiert bei Clemens von Alexandria als Paidagogos, als Kindererzieher. Seine Gestalt war schon zu fest umrissen, ebenso wie seine Stellung im dogmatischen System, als daß es bei einem rechtgläubigen Schriftsteller in der Zeichnung dieser Figur zu realistischen Einzelheiten hätte kommen können. Desto mehr sollen sich die Zöglinge hier als kleine Kinder fühlen. Am befremdlichsten zeigt sich das in dem langen Kapitel über die Milch im Paidagogos I 6 p. 112 P, das betitelt ist πρὸς τοὺς ὑπολαμβάνοντας τὴν τῶν παιδίων ϰαὶ νηπίων προσηγορίαν τὴν τῶν πρώτων μαϑημάτων αἰνίττεσϑαι διδαχήν.[56] Dazu haben wir jüngst in der 19. Ode Salomos eine Parallele bekommen, die uns zeigt, daß es sich hier nicht um Seltsamkeiten Einzelner handelt, für die es erst etwa in bekannten deutschen Kirchenliedern des 17. Jahrhunderts oder in Zinzendorfs Ausdrucksweise Entsprechungen gibt, sondern um verbreitete Stimmungen: