Ein Becher Milch ist mir dargebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süße der Freundlichkeit des Herrn.
Der Sohn ist der Becher, und der, der gemolken ward, der Vater.
Und es melkte ihn der heilige Geist, weil seine Brüste voll waren usw.
Man ist sich bewußt, Frommes zu tun, wenn man der Gottheit gegenüber und zu ihren Ehren Kindliches tut.
Der große Gnostiker Valentinos behauptete, der Logos sei ihm in der Gestalt eines kleinen Kindes erschienen und habe ihm so seine Offenbarungen mitgeteilt (Hippolytos philosoph. VI 5, 43 p. 309 Cruice). Sein Schüler Markos deutete den Vers 2 des 8. Psalmes: „Durch den Mund von Kindern und Säuglingen hast du ein Bollwerk gegründet um deiner Widersacher willen, damit du Feinde und Rachgierige zum Schweigen bringest“[57] so, daß er das Geschrei der Säuglinge als Vokale auffaßte. So loben die Kinder Gott ebenso, wie es in Psalm 19, 1 heißt: „die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Diesen letzteren Vers deutete er natürlich auf die unten zu behandelnde Beziehung zwischen Vokalen und Planeten (vgl. Iren. adv. haer. I 14, 8 Manucci; Epiphan. I 3, 7 haeres. 34) und hielt das Geschrei der Säuglinge für eine Bestätigung dieser Entsprechung. Die Buchstabenspielerei in den später zu besprechenden Branchosversen gegen die Pest hält Klemens von Alexandria für einen frommen Hinweis auf die Kindheit (Stromata V 8, 48 p. 675 P.): αἰνίσσεται, οἶμαι, τὴν ἐϰ τῶν τεσσάρων ϰαὶ εἵϰοσι στοιχείων ψυχῆς γαλαϰτώδη τροφήν, μεϑ' ἣν ἤδη πεπηγὸς γάλα βρῶμα, τελευταῖον δὲ αἷμα ἀμπέλου τοῦ λόγου τὸν „αἴϑοπα οἶνον“ τὴν τελειοῦσαν τῆς ἀγωγῆς εὐφροσύνην διδάσϰει.
Dasselbe meinte Remigius von Auxerre († ca. 908) in seinem tractatus de dedicandis ecclesiis von dem Aschenkreuz auf dem Boden der neu zu weihenden Kirchen, auf welche das Alphabet geschrieben wird.[58] Auch der Kaiser Didius Julianus ließ 193 n. Chr. durch junge Knaben, die mit verbundenen Augen in einen Spiegel schauen mußten, die Zukunft erforschen.[59] Ein Knabe fungiert als Pythia bei Hippol. philos. IV 4, 1 p. 93 ff. Cruice.
So mag mancher, der schon vielleicht aus den erwähnten Gründen in den Buchstaben etwas Heiliges sah, in dieser Vorstellung dadurch bestärkt worden sein, daß sie ihm ein heiliges Stück Kindlichkeit waren. Und gerade die eifrige Erlernung des Alphabets mochte in dieser Richtung mitwirken; später wird sich zeigen, wie eine Anordnung der Alphabetreihe als mystisch bedeutungsvoll verwendet worden ist, die im Anfangsunterricht der Kinder ihre Stelle hatte. Ja, man hat auf dieser Unterrichtsstufe mit Zauberei nachgeholfen, wobei die Alphabetreihe im Sinn der hohen Anschauungen über den Ursprung der Schreibkunst als Symbol alles Wissens erscheint. Um ein Kind lernbegierig und leichtfassend zu machen, rät ein neugriechisches Zauberrezept, das ABC auf eine Schüssel zu schreiben, die für die heiligen Brote gebraucht wird, sie segnen zu lassen und die Schrift mit reinem Wein aufzulösen; das soll das Kind trinken.[60]
[53] Man gab den Kindern Kuchen (Horaz sat. I 1, 25), elfenbeinerne Typen (Quintilian inst. I 1, 26) und Würfel, worauf das Alphabet stand (Hieronymus, epist. ad Laetam 107, 4). Über altirische Alphabetkuchen Gaidoz, Les gâteaux alphabétiques, Mélanges Renier, Bibliothèque des hautes études Paris 1887. Woher die russischen Buchstaben stammen, die man noch heute als — übrigens recht schmackhaftes — Gebäck zu essen bekommt, weiß ich nicht. Jedenfalls stammt der Brauch, ebenso wie die Suppennudeln in Buchstabenform, aus alter Zeit. Ähnliche Verfahren des Elementarunterrichtes beschreiben noch Rabelais, Gargantua I 14. Goldsmith, vicar of Wakefield cap. 12. Smollet, Humphrey Clinker ed. Tauchnitz p. 122; über Basedows Buchstabenbäckerei s. Grasberger, Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum I 2, 267, Würzburg 1864, vgl. Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie I, Paris 1907, s. v. Abécédaire p. 60 f. Beudel, Qua ratione Graeci liberos docuerint, Dissertation Münster 1911. S. auch die kuriose Geschichte von dem begriffsstutzigen Sohn des Herodes Atticus, des bekannten Redners zur Zeit der Antonine, bei Philostratos, vit. sophist. II 10 p. 66 Kayser: das Alphabet hat er wenigstens durch 24 mit den Buchstaben bezeichnete Spielkameraden gelernt.
[54] Über das Alter des milesischen Zahlenalphabets (8. Jahrh.) s. Larfeld, Griechische Epigraphik³ (1914) S. 294 ff. Man hat aber auch mit den Buchstaben α–ω als 1–24 numeriert, ebenso wie wir es mit unsern Buchstaben tun. Beispiele sind die in Olympia zur Auslosung der Kämpfer gebrauchten Täfelchen (Lukian Hermotimos 39), Theatermarken (J. Friedländer, Hermes 9 (1875) 251 ff. Svoronos, Περὶ τῶν εἰσιτηρίων τῶν Ἀρχαίων, Journal International d’Archéologie numismatique I (1898) 45-120; III (1900) 197–235; 319–349), Numerierung von Gesimsblöcken an Bauten (Karapanos, Dodone et ses ruines 68 f. pl. 34–40; thessalische Inschriften bei Lolling, Athen. Mitt. VII (1882) 69. Gesimsblöcke des Altars zu Pergamon, Robert, Hermes 18 (1883) 466 ff. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt, Nachtrag), der Sektionen des Heliastengerichtshofes in Athen (Lipsius, Das attische Recht und Rechtsverfahren I [1905] S. 140 f.), von Äckern („casae literarum“, Inschrift von Halesa, IG XIV 352. Gromatici ed. Lachmann I 309; II 235, 268, 409), die Bezeichnung der Stadtquartiere von Alexandreia (Ausfeld, RM 55 [1900] 379, Der griechische Alexanderroman, Leipzig 1907 S. 139), der Gesänge der homerischen Gedichte (Woisin, De Graecorum notis numeralibus, Diss. Kiel 1886, S. 30), der Wochentage (Boll s. v. Hebdomas, PW Sp. 2573). Über unsre Benennung der sieben Töne der Oktave von C bis H unten mehr. Auch der Alchimist Zosimos hat die 28 Bücher seines Werkes mit Buchstaben bezeichnet, ebenso Mani und Aphraat die ihrigen mit den 22 Buchstaben des syrischen Alphabets. Pachomius numerierte seine Mönchsklassen mit Buchstaben, s. unten den Abschnitt über die Spekulationen über die ganze Alphabetreihe.