Von dem Fürsten der Sänger gefärbt,

Von mächtigen Göttern gemacht,

Es ritzte sie Ragna-Hropt“ usw.

Die Buchstaben sind hier die Fundamente alles Wissens und der Preis, um den sie erworben werden, kann gar nicht hoch genug sein. Ist nun Ähnliches schon im Altertum zu entdecken?

Die Vorstellung von der göttlichen Herkunft der Schriftzeichen finden wir sonst besonders da, wo die Kunst des Schreibens lange das Sonderrecht einer Kaste geblieben ist. Im alten Orient genießt der Schreiber, der in der Regel dem Priesterstand angehört, hohes Ansehen. Er trägt linnene Gewänder, da nichts Tierisches ihn berühren darf.[5] Der Schreiber hat unter den Göttern seinen Patron, der zugleich sein Gegenstück im Himmel, der Schreiber der Götter, ist. In Babel ist es Nebo[6], in Ägypten Thoth. Nebo, Marduks Sohn, ist der Gott, der die Schicksale aufschreibt und so das Leben verkürzt oder verlängert mit seinem „Griffel des Geschickes“.[7] Er gab den Menschen die Schrift. Für die Ägypter hat das Thot[8] getan, der Gott der Worte und Bücher, der Erfinder der magischen Formeln, denen nichts widersteht, und Verfasser der Zauberbücher, der Erfinder fast aller Kulturgüter. Jede Hieroglyphe ist für den Ägypter ein Gotteswort.[9] Später machte dem Thoth Isis die Ehre der Buchstabenerfindung streitig.[10] Im Islam finden wir die Lehre, daß Gott selbst die Buchstaben schuf und sie dem Adam offenbarte als ein Geheimnis, das er keinem der Engel kundtat.[11] Ja, eine alte und angesehene Tradition läßt diese Vorstellung sogar beim Beginn der Sendung Muhammeds eine Rolle spielen. Nach ihr wurde der Prophet von einem Engel nachts besucht und heftig aufgefordert, eine von dem Engel mitgebrachte Schrift zu rezitieren, die von Gott als Schöpfer und Offenbarer der Schreibkunst handelte — im Koran als Sura 96: „Verkündige im Namen deines Herrn, der schuf, der den Menschen von geronnenem Blute schuf; verkündige, denn dein Herr ist der gnädigste, er, der mit der Feder unterrichtete usw.“ In dieser Überlieferung spricht sich die naive Wertschätzung einer heiligen Schrift aus, die Muhammeds Buß- und Gerichtspredigt begleitete. Der Glaube daran, daß die Buchstaben in der Zeit, zumal durch menschliche Erfindung, entstanden seien, wird noch heute von orthodoxen Islamiten als Ketzerei gebrandmarkt.[12]

Darin treffen sie sich mit den Christen der orientalischen Kirchen. „Vor anderthalbtausend Jahren ersannen zwei Männer das armenische Alphabet, der heilige Mesrop erfand die Konsonanten und der Katholikos Sahak fügte die Vokale hinzu. König Wramschapuch half ihnen dabei und sorgte dafür, daß die neue Schrift durch eine Bibelübertragung sofort geheiligt wurde. Die einem fremden Auge wild verschnörkelten Zeichen, die mit geringen Änderungen heute noch gebraucht werden, gaben erst die Möglichkeit, die überaus lautreiche armenische Sprache schriftlich niederzulegen, für die das griechische und syrische Alphabet ungenügend gewesen war. Noch der Apostel Gregor, der dem Volke das Evangelium armenisch verkündete, hatte in den beiden fremden Sprachen geschrieben. Mit dem eigenen Alphabet war die Sprache fixiert, mit der Sprache die Kirche, die ihren monophysitischen Glauben für sich allein beibehielt, von der gefährlichen Berührung mit den Byzantinern geschieden, mit der Kirche die armenische Nation über alle politische Spaltungen hinaus vereint. Das armenische Alphabet ist nicht minder bedeutsam als das slawische, mit dem Kyrill und Methodius eine ganze Völkerfamilie von der westlichen Kultur trennten. Nur wer bedenkt, wie heute noch um Schriftzeichen gekämpft wird, wie etwa in Albanien unversöhnlicher Haß die Anhänger des arabischen und des lateinischen Alphabetes trennt, kann die Hartnäckigkeit verstehen, mit der im Orient jedes Volk an den krausen Zeichen hängt, die ihm seine kulturelle Selbständigkeit bedeuten oder doch vortäuschen. Und darum reden die Mönche von Etschmiadsin, deren Abt ein Papst ist und deren Gemeinde ein Volk, von den Buchstaben, die einer der Ihren erfunden, mit größerer Ehrfurcht als von Gott und seinem eingeborenen Sohne selber.“[13]

Im Gegensatz zu diesen orientalischen Vorstellungen fehlen in Griechenland derartige Mythen nahezu ganz, ebenso wie ein bevorrechteter schreibender Priesterstand fehlt. Die gebildeten Griechen der klassischen Zeit waren sich bewußt, die Buchstabenschrift wie so manche Erfindungen, die dem praktischen Leben dienen, aus dem älteren Orient überkommen zu haben. Es machte ihnen wenig aus, trotz ihres regen Interesses für mythische εὑρεταί, ob ihren eigenen Vorfahren oder Nichtgriechen die Priorität zukam. Ja, sie haben der ehrwürdigen Weisheit des Ostens eher in zu vielen als zu wenig Dingen die Urheberschaft zugestanden. Der wirkliche Ursprung der von den Griechen übernommenen Schrift, der durch die Epigraphik bestätigt wird, steht bei Hekataios und Dionysios, den milesischen Logographen (fr. 36 I FHG I p. 29 II p. 5)[14] und bei Herodot zu lesen (5, 58): die Phoiniker — angeblich unter Kadmos — haben den Ionern die Buchstaben gebracht. Deshalb heißen die Buchstaben φοινιϰήϊα vgl. Kritias bei Athen. epit. p. 28 Kaibel = Fragmente der Vorsokratiker ed. Diels p. 614, 10 und unzählige Stellen, welche zeigen, daß die Gebildeten, insbesondere die Grammatiker, das immer gewußt haben.

Neben dieses Wissen trat früh eine andere Anschauung. Die ägyptischen Denkmäler einer uralten Vergangenheit haben auf die Griechen einen starken Eindruck gemacht. Sie sahen mit neidischer Bewunderung auf die schön geordnete Überlieferung einer ungeheuren Vorzeit, über die sie selbst nur die lästerlichen Lügen ihrer Dichter besaßen. Solon muß sich in Platons Timaeus p. 22 a sagen lassen: Ὧ Σόλων, Ἕλληνες ἀεί παῖδές ἐστε ... νέοι ἐστὲ τἀς ψυχὰς πάντες· οὐδεμίαν γὰρ ἐν αὐταῖς ἔχετε δἰ ἀρχαίαν ἀϰοὴν παλαιὰν δόξαν οὐδὲ μάϑημα χρόνῳ πολιὸν οὐδέν.[15] Hier war die Heimat der Kultur, von hier mußte auch die Schrift stammen, das mußte sich jedem aufdrängen, dem die Priester die uralten Inschriften auf Pyramiden und Tempelwänden wiesen.[16]

Wo Platon, der die Pyramiden wohl selbst gesehen hatte, auf den Ursprung der Schrift zu reden kommt, spricht er nur davon, daß der Ägypter Theuth die Buchstaben erfunden hat. Im Phaidros 274 c heißt es, der δαίμων Theuth sei einst zu dem König Thamus gekommen und habe ihm allerlei Erfindungen, darunter auch die Schrift, vorgelegt.[17]