Damit stand Platon unter den Griechen nicht allein. Kadmos wird dementsprechend zum Ägypter gemacht.[18] Auch Danaos, der Bruder des Aigyptos, sollte die Schrift aus Ägypten mitgebracht haben, nach Pythodoros (schol. in Dionys. Thrac. p. 190, 22; 183, 7 Hilgard). Der Historiker Antikleides aus Athen, der nach Schwartz (bei Pauly-Wissowa s. v. Antikleides) im 3. Jh. schrieb, bewies aus Monumenten, daß der ägyptische König Men die Schrift erfunden habe (Plin. n. h. VII 57, 192).[19]

Der ägyptische Thot von Hermupolis war nach griechischer Anschauung niemand anders als Hermes von Kyllene. Der erfindungsreiche Gott, dem Apollon die Lyra verdankte und die Griechen die Wettspiele, konnte recht gut auch die Schrift erdacht haben. Hekataios von Abdera, der die Bestrebungen der Lagiden, Griechen und Ägypter zu verschmelzen — vielleicht unbewußt — unterstützte[20], hat in seinem Bericht, auf dem Diodors erstes Buch beruht, erzählt (Diod. I 16), von Hermes (= Thoth) sei zuerst die allgemeine Sprache gegliedert und vieles bisher Namenlose benannt worden, von ihm seien die Buchstaben erfunden und alles, was die Verehrung der Götter und die Opfer betreffe, geordnet worden. Den Griechen soll er die Regeln der ἑρμηνεία gelehrt haben, daher sein Name Hermes.[21] Umformung hekatäischen Stoffes ist es, wenn bei Artapanos (um 100 v. Chr.) Hermes, der Vater der Erfindungen, zum Moses-Hermes wird.[22]

An den durch Philon von Byblos erhaltenen Stücken hellenistisch-phönikischer Kosmogonien kann man sehen, wie die Schrift als Gabe des Thoth in der Spekulation hermetischer Theologen für heilig angesehen wurde[23]: πρὸ δὲ τούτων ϑεὸς Τάαυτος μιμησάμενος τῶν συνόντων ϑεῶν ὄψεις, Κρόνου τε ϰαὶ Δαγῶνος ϰαὶ τῶν λοιπῶν, διετύπωσε τοὺς ἱεροὺς στοιχείων χαραϰτῆρας.[24] Und an einer anderen Stelle: Καὶ τὰ μὲν πρῶτα στοιχεῖα τὰ διὰ τῶν ὄφεων, ναοὺς ϰατασϰευασάμενοι ἐν ἀ<δ>ύτοις ἀψιέρωσαν, ϰαὶ τούτοις ἑορτἀς ϰαὶ ϑυσίας ἐπετέλουν ϰαὶ ὄργια, ϑεοὺς τοὺς μεγίστους νομίζοντες ϰαὶ ἀρχηγοὺς τῶν ὅλων. Die Stellung des Oannes bei Berossos (fr. 1 Dübner, FHG II p. 497), der den Menschen Schrift, Künste und Gottesdienst lehrte, will Reitzenstein, Poimandres 109[25], durch die Annahme ägyptischer Einflüsse verständlich machen. Aber warum sollen die Babylonier nicht von sich allein aus derartiges über Ea gelehrt haben, den „Herrn der Weisheit“?[26]

Der griechische Hermes erscheint als Erfinder der Schrift bei Mnaseas (Müller, FHG III p. 156 = schol. in Dionys. Thrac. p. 183, 15), Apollodor von Athen (schol. zu ψ 198), Cicero, de nat. deor. III 22, 56, Varro bei Augustinus, de doctrina christ. II 28, Hygin fab. 277, Cassiodor variae VIII 12 (da steht, Mercur habe die Form der Buchstaben dem Flug der Kraniche abgesehen, vgl. [S. 10 Anm. 2]).[27]

Natürlich nannten manche Griechen noch andere εὑρεταί. Nach Ephoros hatte Kadmos sie nicht nur gebracht, sondern auch selber erfunden.[28] Sehr nahe lag es, sie dem erfindungsreichen Palamedes[29] zuzuschreiben. Das tat zuerst Stesichoros in seiner zweiten Orestie.

Ob seiner ähnlichen Findigkeit wird man an Sisyphos[30] gedacht haben. Außerdem werden als Erfinder genannt Prometheus[31], Herakles[32], Phoinix[33], der Paidagogos des Achilleus (nach Duris) oder ein König von Tyros — offenbar eine Deutung der Bezeichnung φοινιϰήια. Den Musaios (vgl. schol. in Dionys. Thrac. p. 183) nennt einmal Artapanos (vgl. oben [S. 8 f]). Diese Ansicht muß nicht auf dem Umweg über die Gleichung Thoth = Moses entstanden sein[34]: auch Orpheus und Linos[35] erscheinen unter den Schrifterfindern. In Latium hat Euandros[36] sie gelehrt, der durch seine Herkunft aus Arkadien, dem reineren Lande weiser, gerechter Menschen, dazu berufen war, den Völkern geistige Güter zu übermitteln. In einem Scholion zu Dionysios Thrax steht, die Buchstaben seien vom Himmel gefallen[37], auch Athena wird dort[38] als Buchstabenerfinderin genannt. Sie lehrt schon auf einer schönen rotfigurigen Vase dem Palamedes — das wird wohl der bärtige Schüler sein — die Schreibkunst (Ch. Lenormant et de Witte, Elite des monuments céramographiques, Paris 1844, I p. 252 f.). Doch das ist ganz singulär. Wäre es etwas Geläufigeres, so hätte es der Rhetor Aristides in seiner Lobrede auf Athena gewiß hervorgeholt, wo er die εὑρήματα der Göttin preist. Aber da steht nichts von Buchstaben.

In Diodors Inselbuch V 74 wird den Musen die γραμμάτων εὕρεσις zugeschrieben. Daß der Kreter Dosiades[39] (3. Jh.) in seinen Κρητιϰά behauptete, die Buchstaben seien in Kreta erfunden worden[40], steht so vereinzelt, daß es wohl keine Kenntnis der Scripta minoa verrät. Denn die Notiz schol. in Dionys. Thrac. p. 184, 29: Ἀλέξανδρος δὲ ὁ Ῥόδιος (sc. φησί Φοινίϰεια τὰ γράμματα ἐλέγοντο) ἀπὸ Φοίνιϰος τοῦ Προνάπου ϰαὶ Εὐρώπης, εὑρόντος αὐτὰ ὲν Κρήτη, ὃν ἀπέϰτεινε Ῥαδάμανϑυς φϑονήσας ist bis auf weiteres nicht zu deuten. Pronapos sieht aus, als verdanke er sein Dasein einer genealogischen Operation mit Προναπίδης, dem Lehrer Homers aus Athen.

Die Widersprüche der Überlieferung, die verschiedene εὑρεταί gab, führten dazu, das Verdienst an mehrere Erfinder zu verteilen. Darin spiegelt sich zugleich die allmähliche Anpassung des phönikischen Alphabets an die griechischen Bedürfnisse durch Umdeutung und Hinzufügung von Buchstaben. Simonides, der manche palamedeisch-sophistische Züge zeigte und sich großen Rufes als Gedächtniskünstlers erfreute, und Epicharmos, der ἀρχηγός einer wichtigen literarischen Gattung, sollen dem anfangs unvollkommenen Schriftsystem noch Zeichen hinzugefügt haben. Die Zeugnisse darüber sind so verschieden, daß es zwecklos wäre, sie in Einklang bringen zu wollen.[41]

Diese Musterung der Traditionen über die Herkunft der Buchstaben hat wohl gezeigt, daß im griechischen Altertum den Schriftzeichen an sich noch keine Weihe innewohnen konnte wegen ihres göttlichen Ursprungs. Den besaßen sie nicht in dem Sinn, wie man es im Orient oder im altgermanischen Norden glaubte. Es hat keinen antiken Gott gegeben, dessen Funktionen mit der Schreibkunst wesentlich zusammenhängen, und was ein Heros erfunden hatte, war deshalb noch nicht heilig. Dieser Glaube scheidet also als Quelle für griechische Alphabetmystik und -magie aus.