Für den Analphabeten bildet die Kunst des Schreibens leicht ein unheimliches Mysterium, und derer wird es in der „unschuldigen Zeit“ des Altertums (Lachmann) stets viele gegeben haben. Was der Mensch an Bildung damals besitzen mußte, war unendlich viel weniger als bei uns, und infolgedessen wurden auch die Anfangsgründe nicht als etwas Selbstverständliches gering geachtet. Das Alphabet als Gegenstand des Wissens war im Athen des 5. Jahrhunderts etwas, worüber man ernsthaft reden durfte, selbst von der tragischen Bühne herab, wie γρίφος-artige Fragmente des Sophokles, Euripides, Agathon, Theodektes[42] und die später zu besprechende γραμματοτραγωδία des Kallias zeigen. Das Schreiben war für viele eine gewichtige feierliche Handlung. Trotzdem war dies keine entscheidende Ursache für die Entstehung der Buchstabenmystik. Diese liegt anderswo.

[3] In den „Sprüchen Hars“ (Hǫ́vamǫl): Die ältere Edda übers. Gering, Bielefeld u. Leipzig 1902 S. 105, vgl. R. M. Meyer, Altgermanische Religionsgeschichte, Leipzig 1910 S. 257; Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde IV, Berlin 1898 S. 686 f. Über magische Runen s. Uhland, Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage VI. Stuttgart 1868 S. 225–277. Doutté, Magie et religion dans l’Afrique du Nord, Alger 1909 p. 172. P. Köbke, Om runere i Norden p. 50 (mir nicht zugänglich). Zauberrunen und Glaube an die Macht des Wortes besonders stark bei den Finnen, s. Buber, Literarisches Echo 1912 Sp. 1614. Comparetti, Kalewala, Halle 1892 S. 262. Zahlensymbolische Geheimschriften auf Grund der Runen s. Pauls Grundriß der germanischen Philol. I 260.

[4] Dabei fällt einem der Ausdruck ἀναιρεῖν für das Orakelerteilen in Delphi ein, vgl. Heinevetter, Würfel- und Buchstabenorakel, Dissertation Breslau 1912 S. 40. Vielleicht ist Wodun Schrifterfinder, weil er dem Hermes gleichgesetzt wurde (wednesday = mercoledi). Hommel, Archiv für Schriftkunde 1 (1914) S. 50.

[5] So auch der Schreiberengel Hesekiel 9, 2, dazu Gunkel, Archiv f. Religionswissenschaft I (1898) S. 294 ff.: über die Tracht des ägyptischen ιερογραμματεύς, der einen Sperberflügel auf dem Kopf trägt, s. Clemens Alexandrinus, Strom. VI 4, 36 u. Diodor I 87, vgl. Reitzenstein, Poimandres, Leipzig 1904 S. 153.

[6] Es ist sehr wahrscheinlich, daß die jüdische Vorstellung von einem himmlischen Schreiber, einem Buche des Lebens (Apc. 3, 5) babylonischer Herkunft ist, vgl. Gunkel, Archiv f. Religionswissenschaft 1 (1898 S. 298. Jeremias s. v. Nebo in Roschers mythol. Lexikon III, Sp. 55 f. P. Paul Dhorme, La religion assyro-babylonienne, Paris (Gabalda) 1910 p. 103 f. Kan, De Jovis Dolicheni cultu, Diss. Groningen 1901 p. 52. Johannes Hehn, Die biblische und babylonische Gottesidee, Leipzig 1913 S. 69: „Es verdient bemerkt zu werden, daß man Nebo nicht bloß den beschränkten Wirkungskreis des Schreibergottes zuerkannte, sondern ihn auf Grund seiner Schreibertätigkeit auf die höchste Stufe des Pantheons erhob und zum Weltenherrn stempelte.“ S. auch Birt, Schreibende Gottheiten, Neue Jahrb. 19 (1907) S. 700 ff.

[7] In den Balkansprachen bedeutet der Ausdruck für „es ist sein Schicksal“ soviel wie „es ist ihm geschrieben“; es mag dabei auch die Sternenschrift am Himmel mitspielen.

[8] Maspéro, Histoire ancienne des peuples de l’orient classique I (1895) p. 145, 220. Brugsch, Religion und Mythologie der alten Ägypter, Leipzig 1888 S. 446.

[9] Hymnos von Ios IG XII, VI Nr. 14 Zeile 5–8; Hymnos von Andros Zeile 10 ff., dazu Sauciuc, Andros, Sonderschriften d. österreich. Instituts VIII (1914) S. 122; derselben Ansicht war auch Varro nach Augustin de civit. dei XVIII 37 und Eugenius Toletanus, De inventoribus literarum „Isis arte non minori protulit Aegyptias“ sc. literas MGH Script. antiquiss. XIV p. 257 v. 5.

[10] Reitzenstein, Poimandres S. 63, 64 und 269.

[11] Schanawânî † 1610 n. Chr., Bl. 6 v. zitiert bei Goldziher, Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellschaft 26 (1872) S. 782 (Flügel, Catalog der Wiener arab. Hss. nr. 210 I p. 192).