(Rustan tritt auf mit Bogen und Köcher.)
Zanga.
Munter, Herr! was soll das heißen?
Warum düster und beklommen?
Was ist Arges denn geschehn?
Daß Ihr einem platten Jungen,
Der recht unverständig prahlte,
Euch zu höhnen sich erfrechte,
Etwas unsanft mitgespielt,
Das ist alles. Und was weiter?
Euer Oheim wird wohl schelten;
Sei es drum! Gönnt ihm die Lust.
Rustan.
Glaubst du, daß ich seine Worte,
Seines Tadels Ausbruch scheue?
Nimmer brauch ich zu erröten,
Was ich tat, kann ich vertreten;
Könnt' ich's nicht, ich wär' nicht hier.
Nicht der Schmerz, den mir sein Zürnen,
Der, den es ihm selber kostet,
Macht mich seinen Anblick fliehn.
Könnt' er all doch seine Sorge,
Seine Angst um mich, mit einem,
Einem Feuergusse strömen
Auf dies unverwahrte Herz,
Und dann kalt und ruhig bleiben
Bei des Wilden Tun und Treiben,
Hier! er kühle seinen Schmerz.
Aber, daß ich sehen muß,
Wie der Nahverwandten Wünsche,
Gleich entzügelt wilden Pferden,
Nord- und südenwärts gespannt,
An dem Leichnam unsers Friedens,
Raschgespornt, zerfleischend reißen;
Daß ich sehe, wie wir beide,
Bürgern gleich aus fremden Zonen,
Bang uns gegenüberstehn,
Sprechen und uns nicht begreifen,
Einer mit dem andern zürnend,
Ob gleich Lieb' in beider Herzen,
Weil, was Brot in einer Sprache,
Gift heißt in des andern Zunge,
Und der Gruß der frommen Lippe
Fluch scheint in dem fremden Ohr:
Das ruft diesen Schmerz empor.
Zanga.
Nun, so lernt denn seine Sprache,
Er wird Eure nimmer lernen!
Und wer weiß? An Lektionen
Läßt's der alte Herr nicht fehlen.
Bleibt im Land und nährt Euch redlich!
Auch die Ruhe hat ihr Schönes.
Rustan.
Spotte nicht! Denk an Osmin!
Gleicher Lohn harrt gleicher Frechheit.
Ha, bei Gott! Es soll kein Prahler
Trotzig vor mich hin sich stellen
Und mich mit den Augen messen,
Den verschämten, keuschen Degen
Wiegend auf den glatten Schenkeln.
Er soll's nicht, wenn nicht sein Kopf
Härter ist als Osmins Schädel,
Tücht'ger ist als diese Faust.
Bin ich nichts, ich kann noch werden,
Rasch und hoch ist Heldenbrauch;
Was ein andrer kann auf Erden,
Ei, bei Gott! das kann ich auch.
Zanga.
Herr, Ihr sprecht nach meinem Herzen.
Rustan.
Wie so schal dünkt mich dies Leben,
Wie so schal und jämmerlich!
Stets das Heute nur des Gestern
Und des Morgen flaches Bild.
Freude, die mich nicht erfreuet,
Leiden, das mich nicht betrübt,
Und der Tag, der stets erneuet,
Nichts doch als sich selber gibt.
Oh, wie anders dacht' ich's mir
In entschwundnen, schönern Tagen!
Zanga.
's ist auch anders, muß ich sagen.
Nur Geduld! es wird schon kommen.
Zeit tut alles, Zeit und Mut.
Jener Fürst von Samarkand,
Den Osmin als Herrn genannt,
War, wie Ihr, des Dorfes Sohn,
Jetzt von Macht und Glanz umgüldet;
Ihr seid aus demselben Ton,
Aus dem Glück die Männer bildet
Für den Purpur, für den Thron.
Rustan.
Oh, es mag wohl herrlich sein,
So zu stehen in der Welt
Voll erhellter, lichter Hügel,
Voll umgrünter Lorbeerhaine,
Schaurig schön, aus deren Zweigen,
Wie Gesang von Wundervögeln,
Alte Heldenlieder tönen,
Und vor sich die weite Ebne,
Lichtbestrahlt und reich geschmückt,
Die zu winken scheint, zu rufen:
Starker, nimm dich an der Schwachen!
Kühner, wage! Wagen siegt!
Was du nimmst, ist dir gegeben!
Sich hinabzustürzen dann
In das rege, wirre Leben,
An die volle Brust es drücken,
An sich und doch unter sich:
Wie ein Gott, an leisen Fäden
Trotzende Gewalten lenken,
Rings zu sammeln alle Quellen,
Die, vergessen, einsam murmeln,
Und in stolzer Einigung,
Bald beglückend, bald zerstörend,
Brausend durch die Fluren wälzen.
Neidenswertes Glück der Größe!
Welle kommt und Welle geht,
Doch der Strom allein besteht.
Zanga.
Recht! Der Strom allein besteht.