Leander (der von derselben Seite sichtbar wird).
Hier bin ich, sieh!
Naukleros. So rasch? Ei doch! Man denke!
Wie lange noch, sag an! führ ich, zur Strafe
Für ein Vergehn, derzeit noch unbekannt
Und unbegangen auch, dem Knaben gleich
Der seinen blinden Herrn die Straße leitet,
Ringsum dich durch der Menschen laute Städte,
Von Fest zu Fest, vom Markte zum Altar,
Den Ort ausforschend, der dir Frohsinn brächte?
Wie lang sitz ich, von Sprechen müd', dir gegenüber
Und forsch in deinem Aug', dem leid'gen Blick,
Ob's angeglommen, ob erwacht die Lust?
Und les ein ewig neues: nein, nein, nein!
Wenn deine Mutter starb, wer kann da helfen?
War's gut und recht, daß du, ein wackrer Sohn,
Und ihr, der Tiefbekümmerten zu Willen,
Am Strand des Meeres wohntest, fern der Stadt
Und Menschen fern, nur Kindespflichten übend;
Nun, da sie tot, was hält dich länger ab
Den Gleichen als ein Gleicher zu gehören
Mitfühlend ihre Sorgen, ihre Lust?
Wein um die Gute, rauf dein braunes Haar,
Allein dann kehre zu den Freuden wieder,
Die sie dir gönnt, die du ihr länger gönntest.
Sag ich nicht recht? und was ist deine Meinung?
Nun?
Leander. Ich bin müd'.
Naukleros. Ei ja, der großen Plage!
Den ganzen Tag, am fremden Ort, umgeben
Von fremden Menschen, fröhlichen Gesichtern,
Sich durchzuhelfen und zu schaun, zu hören,
Einmal zu sprechen gar. Ei, gute Götter,
Wer hielte das wohl aus?
Leander (der sich gesetzt hat). Und krank dazu.
Naukleros.
Krank? Sei du unbesorgt! Das gibt sich wohl.
Sei du erst heim in deiner dumpfen Hütte,
Vom Meer bespült, wo rings nur Sand und Wellen
Und trübe Wolken, die mit Regen dräun.
Hab erst das gute Kleid da von den Schultern,
Und umgehüllt dein derbes Schifferwams.
Dann sitz am Strand, den langen Tag verangelnd,
Tauch dich ins Meer, der Fische Neid im Schwimmen,
Lieg abends erst—so fand ich dich ja einst—
Im Ruderkahn, das Antlitz über dir,
Des Körpers Last vertraut den breiten Schultern,
Indes das Fahrzeug auf den Wellen schaukelt;
So lieg gestreckt und schau mir nach den Sternen,
Und denk—an deine Mutter, die noch eben
Zur rechten Zeit dich, sterbend, frei gemacht;
An sie; an Geister, die dort oben wohnen;
An—denk ans Denken; denk vielmehr an nichts!
Sei nur erst dort; und Freund, was gilt die Wette?
Du fühlst dich wohl, fühlst wieder dich gesund.
Nun aber komm, denn fernab liegt die Heimat,
Die Zeit verrinnt, die Freunde kehren heim.
Leander.
Es ist so schattig hier. Laß uns noch weilen!
Leicht findet sich ein Kahn. Ich rudre dich.
Naukleros.
Ei rudern, ja! Wie glänzt ihm da das Auge!
Am Steuer sitzend, ausgestreckt die Hand,
Die prallen Arme vor und rückwärts führend,
Jetzt so, dann so, und fort auf feuchtem Pfad!
Da fühlst du dich ein Held, ein Gott, ein Mann;
Für andres mag man einen andern suchen.
Doch, schöner Freund, nicht nur ums Rudern bloß,
Hier frägt es sich um andre, ernstre Dinge.
Wir stehen, wiß es, auf verbotnem Grund,
Im Tempelhain, der jedem sich verschließt,
Als nur am Tag des Fests, von dem wir kehren.
Sonst streifen Wächter durch die grünen Büsche,
Die fahen jeden, den ihr Auge trifft,
Und stellen ihn dem Priester ihres Tempels,
Der ihn bestraft, leicht mit dem Äußersten.
Sprichst du?
Leander. Ich sagte nichts.
Naukleros. Drum also komm!
Um Mittag endet sie des Festes Freiheit
Und fast schon senkrecht trifft der Sonne Pfeil.
Mich lüstet nicht, ob deines trägen Zauderns,
Den Kerkern einzuwohnen dieser Stadt.
Hörst du?—Noch immer nicht!—Nun, gute Götter!
Kehrt euch von ihm, wie er von euch sich wendet! Da lehnt er,
weich, mit mattgesenkten Gliedern.
Ein Junge, schön, wenngleich nicht groß, und braun.
Die finstern Locken ringeln um die Stirn;
Das Auge, wenn's die Wimper nicht verwehrt,
Sprüht heiß wie Kohle, frisch nur angefacht;
Die Schultern weit; die Arme derb und tüchtig,
Von prallen Muskeln ründlich überragt;
Kein Amor mehr, doch Hymens treues Bild.
Die Mädchen sehn nach ihm; doch er—Ihr Götter!
Wo blieb die Seele für so art'gen Leib?
Er ist—wie nenn ich's—furchtsam, töricht, blöd!
Ich bin doch auch ein rüstiger Gesell,
Mein gelbes Haar gilt mehr als noch so dunkles,
Und, statt der Inderfarbe die ihn bräunt,
Lacht helles Weiß um diese derben Knochen,
Bin größer, wie's dem Meister wohl geziemt.
Und doch, gehn wir zusammen unters Volk,
In Mädchenkreis, beim Fest, bei Spiel, bei Tanz;
Mich trifft kein Aug', und ihn verschlingen sie.
Das winkt, das nickt, das lacht, das schielt, das kichert.
Und ihm gilt's, ihm. Sie sind nun mal vernarrt
In derlei dumpfe Träumer, blöde Schlucker.
Er aber—Ei, er merkt nun eben nichts.
Und merkt er's endlich: Hei, was wird er rot!
Sag, guter Freund, ist das nur Zufall bloß,
Wie, oder weißt du, daß du zehnmal hübscher
Mit solcher Erdbeerfarbe auf den Wangen?
Nur heut im Tempel. Gute Götter, war's nicht,
Als ob die Erde aller Wesen Fülle
Zurückgeschlungen in den reichen Schoß
Und Mädchen draus gebildet, nichts als Mädchen?
Aus Thrazien, dem reichen Hellespont
Vermengten sich die Scharen; bunte Blumen,
So Ros' als Nelke, Tulpe, Veilchen, Lilie,
- Ein Gänseblümchen auch wohl ab und zu—
Im ganzen ein begeisternd froher Anblick:
Ein wallend Meer, mit Häuptern, weißen Schultern
Und runden Hüften an der Wellen Statt.
Nun frag' ihn aber einer, was er sah,
Ob's Mädchen waren oder wilde Schwäne;
Er weiß es nicht, er ging nur eben hin.
Und doch war er's, nach dem sie alle blickten.
Die Priestrin selbst. Ein herrlich prangend Weib!
Die besser tat, am heutigen frohen Tag
Der Liebe Treu' zu schwören ewiglich,
Als ihr sich zu entziehn, so arm als karg.
Der Anmut holder Zögling und der Hoheit.
Des Adlers Aug', der Taube süßes Girren,
Die Stirn so ernst, der Mund ein holdes Lächeln,
Fast anzuschauen wie ein fürstlich Kind,
Dem man die Krone aufgesetzt, noch in der Wiege.
Und dann; was Schönheit sei, das frag du mich.
Was weißt du von des Nackens stolzem Bau,
Der breit sich anschließt reichgewundnen Flechten;
Den Schultern, die beschämt nach rückwärts sinkend,
Platz räumen den begabtern, reichen Schwestern,
Den feinen Knöcheln und dem leichten Fuß,
Und all den Schätzen so beglückten Leibes?
Was weißt du? sag ich, und du sahst es nicht.
Doch sie sah dich. Ich hab es wohl bemerkt.
Wie wir da knieten, rückwärts ich, du vorn,
Am Standbild Hymens, des gewalt'gen Gottes,
Und sie nun kam, des Opferrauchs zu streun.
Da stockte sie, die Hand hing in der Luft;
Nach dir hinschauend stand sie zögernd da,
Ein, zwei, drei kurze, ew'ge Augenblicke.
Zuletzt vollbrachte sie ihr heilig Werk.
Allein noch scheidend sprach ein tiefer Blick,
Im herben Widerspruch des frost'gen Tages,
Der sie auf ewiglich verschließt der Liebe:
"Es ist doch schad'" und: "Den da möcht' ich wohl!" Gelt, lächelst
doch? und schmeichelt dir, du Schlucker.
Verbirgst du dein Gesicht? Fort mit den Fingern!
Und heuchle nicht, und sag nur: ja.