Hero. Wohl denn, es sei!
Was man nicht faßt, erregt auch kein Verlangen.
Laß mich so wie ich bin, ich bin es gern.
Priester.
Doch kommt die Zeit und ändert Wunsch und Neigung.
Hero.
Man klagt ja täglich, daß der Unverständ'ge
Beharrt und bleibt, man tadl' ihn wie man will;
Weshalb nun den Verständ'gen unverständ'ger
Und unbeständ'ger glauben als den Tor?
Ich weiß ja was ich will und was wir wählten,
Wenn wählen heißen kann, wo keine Wahl.
Vielmehr ein glücklich Ungefähr hat mich
Nur halb bewußt an diesen Ort gebracht,
Wo—wie der Mensch, der müd' am Sommerabend
Vom Ufer steigt ins weiche Wellenbad,
Und, von dem lauen Strome rings umfangen,
In gleiche Wärme seine Glieder breitet,
So daß er, prüfend, kaum vermag zu sagen:
Hier fühl ich mich und hier fühl ich ein Fremdes—
Mein Wesen sich hindangibt und besitzt.
Aus langer Kindheit träumerischem Staunen
Bin hier ich zum Bewußtsein erst erwacht;
Im Tempel, an der Göttin Fußgestelle
Ward mir ein Dasein erst, ein Ziel, ein Zweck.
Wer, wenn er mühsam nur das Land gewonnen,
Sehnt sich ins Meer zurück, wo's wüst und schwindelnd?
Ja, diese Bilder, diese Säulengänge,
Sie sind ein Äußeres mir nicht, ein Totes;
Mein Wesen rankt sich auf an diesen Stützen,
Getrennt von ihnen, wär' ich tot wie sie.
Priester.
Nur hüte dich, daß so beschränktes Streben
Ein Billiger nicht möge selbstisch nennen!
Es hält der Mensch mit Recht von seinem Wesen
Jegliche Störung fern; allein sein Leben,
Ablehnend alles andre, nur auf sich,
Des eignen Sinns Bewahrung zu beschränken,
Scheint widrig, unerlaubt, ja ungeheuer,
Und doch auch wieder eng und schwach und klein.
Du weißt, es war seit undenkbaren Zeiten
Begnadet von den Göttern unser Stamm
Mit Priesterehren, Zeichen und Orakeln,
Zu sprechen liebten sie durch unsern Mund:
Lockt's dich nun nicht zurück es zu gewinnen
Das schöne Vorrecht, dir zum höchsten Ruhm
Und allem Volk zu segensreichem Frommen?
Ich riet dir oft, in still verborgner Nacht
Zu nahen unsrer Göttin Heiligtum
Und dort zu lauschen auf die leisen Stimmen,
Mit denen wohl das Überird'sche spricht.
Hero.
Verschiednes geben Götter an Verschiedne;
Mich haben sie zur Sehrin nicht bestimmt.
Auch ist die Nacht, zu ruhn; der Tag, zu wirken,
Ich kann mich freuen nur am Strahl des Lichts.
Priester.
Vor allem sollte heut—
Hero. Ich war ja dort,
Noch eh' die Sonne kam, in unserm Tempel
Und setzte mich bei meiner Göttin Thron
Und sann. Doch keine Stimme kam von oben.
Da griff ich zu den Blumen, die du siehst,
Und wand ihr Kränze meiner hohen Herrin,
Erst ihr, dann jenen beiden Himmlischen,
Und war vergnügt.
Priester. Und dachtest?
Hero. An mein Werk.
Priester.
An andres nicht?