Graf.
Ach, es ist nicht dieses Schreiben,
Seinen Inhalt konnt' ich ahnen.
Nein es ist die Überzeugung,
Die sich immer mehr bewährt;
Daß das Schicksal hat beschlossen,
Von der Erde auszustoßen
Das Geschlecht der Borotin!
Sieh, man schreibt mir, daß ein Vetter,
Den ich kaum einmal gesehen,
Der der einz'ge außer mir
Von dem Namen unsers Hauses,
Kinderlos, ein welker Greis,
Gählings über Nacht gestorben.
Und so bin ich denn der Letzte
Von dem hochberühmten Stamme,
Der mit mir zugleich erlischt.
Ach, kein Sohn folgt meiner Bahre,
Trauernd wird der Leichenherold
Meines Hauses Wappenschild,
Oft gezeigt im Schlachtgefild,
Und den wohlgebrauchten Degen
Mir nach in die Grube legen.
Es geht eine alte Sage,
Fortgepflanzt von Mund zu Mund,
Daß die Ahnfrau unsers Hauses,
Ob begangner schwerer Taten,
Wandeln müsse ohne Ruh',
Bis der letzte Zweig des Stammes,
Den sie selber hat gegründet,
Ausgerottet von der Erde.
Nun wohlan, sie mag sich freuen,
Denn ihr Ziel ist nicht mehr fern!
Fast möcht' ich das Märchen glauben,
Denn fürwahr ein mächt'ger Finger
War bemüht bei unserm Fall.
Kräftig stand ich, herrlich blühend
In der Mitte dreier Brüder;
Alle raubte sie der Tod!
Und ein Weib führt' ich nach Hause,
Schön und gut und hold wie du.
Hochbeglückt war unsre Ehe
Und ein Knabe und ein Mädchen
Sproßten aus dem keuschen Bund.
Bald wart ihr mein einz'ger Trost,
Meine einz'ge Lebensfreude,
Denn mein Weib ging ein zu Gott.
Sorgsam, wie mein Augenlicht,
Wahrte ich die teuern Pfänder;
Doch umsonst! Vergeblich Streben!
Welche Klugheit, welche Macht,
Mag das Opfer wohl erhalten,
Das die finsteren Gewalten
Ziehen wollen in die Nacht!
Kaum drei Jahre war der Knabe,
Als er in dem Garten spielend
Von der Wärtrin sich verlief.
Offen stand die Gartentüre,
Die zum nahen Weiher führt.
Immer sonst war sie geschlossen,
Eben damals stand sie offen, (bitter)
Hätt' ihn sonst der Streich getroffen!

Ach, ich sehe deine Tränen
Treu sich schließen an die meinen.
Weißt du etwa schon den Ausgang?
Ach, ich armer, schwacher Mann,
Habe dir wohl oft erzählet
Die alltägliche Geschichte.
Was ist's weiter?—Er ertrank!
Sind doch manche schon ertrunken!
Daß es just mein Sohn gewesen,
Meine ganze, einz'ge Hoffnung,
Meines Alters letzter Stab;
Was kann's helfen!—Er ertrank—
Und ich sterbe kinderlos!

Berta.
Lieber Vater!

Graf.
Ich verstehe
Deiner Liebe sanften Vorwurf.
Kinderlos konnt' ich mich nennen,
Und ich habe dich, du Treue!
Ach, verzeih dem reichen Manne,
Der sein Habe halb verloren
In des Unglücks hartem Sturm,
Und nun mit der reichen Hälfte,
Lang an Überfluß gewöhnet,
Sich für einen Bettler hält.
Ach verzeih, wenn das Verlorne
In so hellem Lichte glüht,
Ist doch der Verlust ein Blitzstrahl,
Der verklärt was er entzieht!
Ja fürwahr, ich handle unrecht!
Ist mein Name denn das Höchste?
Leb ich nur für meinen Stamm?
Mag ich kalt das Opfer nehmen,
Das du mit der Jugend Freuden,
Mit des Lebens Glück mir bringst!
Meines Daseins letzte Tage
Seien deinem Glück geweiht.
Ja an eines Gatten Seite,
Der dich liebt, der dich verdient,
Werde dir ein andrer Name
Und mit ihm ein andres Glück!
Wähle von des Landes Söhnen,
Frei den künftigen Gemahl,
Denn dein Wert verbürgt mir deine Wahl!
Wie du seufzest!—Hast wohl schon gewählet?
Jener Jüngling?—Jaromir—
Jaromir von Eschen denk ich.
Ist's nicht also?

Berta.
Wag ich es?—

Graf.
Glaubtest du dem Vaterauge
Bleib' ein Wölkchen nur verborgen,
Das an deinem Himmel hängt?
Sollt' ich gleich wohl eher schelten,
Daß ich erst erraten muß
Was ich längst schon wissen sollte:
War ich je ein harter Vater,
Bist du nicht mein teures Kind?
Edel nennst du sein Geschlecht,
Edel nennt ihn seine Tat,
Bring ihn mir, ich will ihn kennen,
Und besteht er auf der Probe
So kann manches noch geschehn.
Fallen gleich die weiten Lehen
Als erloschen heim dem Thron,
Ein bescheidnes Los zu gründen
Hat noch Borotin genug.

Berta.
O wie soll ich—

Graf.
Mir nicht danke!
Zahl ich doch nur alte Schulden.
Hast nicht du's um mich verdient,
Hat nicht er's, der wackre Mann?
Denn er war's doch, der im Walde
Dir das Leben einst gerettet,
Und mit eigener Gefahr?
Ist's nicht also, liebe Tochter?

Berta.
Oh, mit augenscheinlicher Gefahr!
Hab ich's Euch doch schon erzählet,
Wie in einer Sommernacht
Ich dort in dem nahen Walde
Mich lustwandelnd einst erging,
Und vom Schmeichelhauch der Lüfte,
Von dem Duft der tausend Blüten
Eingelullt in süß Vergessen
Weiter ging als je zuvor.
Wie mit einmal durch die Nacht
Einer Laute Klang erwacht,
Klagend, stöhnend, Mitleid flehend
Mit der Tonkunst ganzer Macht;
Girrend bald gleich zarten Tauben
Durch die dichtverschlungnen Lauben,
Bald mit langgedehntem Schall
Lockend gleich der Nachtigall,
Daß die Lüfte schweigend horchten
Und das Laub der regen Espe
Seine Regsamkeit vergaß.
Wie ich so da steh und lausche,
Ganz in Wehmut aufgelöst,
Fühl ich mich mit eins ergriffen,
Und zwei Männer, angetan
Mit des Mordes blut'ger Farbe,
Mit dem Dolch, den Augen dräuend,
Seh ich gräßlich neben mir.
Schon erheben sie die Dolche,
Schon glaub ich die Todeswunde,
Schreiend, in der Brust zu fühlen:
Da teilt schnell sich das Gebüsche,
Reißend springt ein junger Mann,
Hoch den Degen in der Rechten,
In der Linken eine Laute
Auf die bleichen Mörder zu.
Wie er ihnen obgesieget,
Wie er, einzeln, sie bezwang,
Wie die kühne Tat gelang
Weiß ich nicht. In starre Ohnmacht
War ich zagend hingesunken.
Ich erwacht' in seinen Armen,
Und zum Leben neu geboren,
Unbehilflich, schwach und duldend
Wie ein Kind am Mutterbusen
Hing ich an des Teuren Lippen
Seine heißen Küsse trinkend.
Und mein Vater, für das alles
Was er erst für mich getan,
Konnt' ich wen'ger als ihn lieben?

Graf.
Und ihr saht euch öfter?