Jaromir.
Nicht dein Sohn?—Ich nicht der Sohn
Jenes Räubers Boleslav?
Alter Mann, ich nicht dein Sohn?
Laß mich's denken, laß mich's fassen,
O es faßt, es denkt sich schön!
Ich gehörte mit zum Bunde,
Den verzweifelnd ich gesucht,
Und Gott hätte in der Stunde
Der Geburt mir nicht geflucht?
Meinen Namen nicht geschrieben
Ein in der Verwerfung Buch,
Dürfte hoffen, dürfte lieben
Und mein Beten ist kein Fluch?
(Boleslav hart anfassend.)
Ungeheuer! Ungeheuer!
Und du konntest mir's verhehlen,
Sahst mich gift'ge Martern quälen,
Sahst des Innern blut'gen Krieg,
Ha, und deine Lippe schwieg!
Schlichst dich kirchenräuberisch
In des reinen Kinderbusens
Unentweihtes Heiligtum;
Stahlst des teuren Vaters Bild
Von der gottgeweihten Schwelle,
Setztest deines an die Stelle!
Ungeheuer! Ungeheuer!
Wenn ich im Gebete kniete,
Und des Dankes Gegenstand,
Der, mir selber unbekannt,
In dem heißen Herzen brannte,
Lebensschenker, Vater nannte,
Segen auf ihn niederflehte,
Schlichst du dich in die Gebete,
Eignetest dir, Mörder, du,
Meiner Lippen Segen zu!
Sprich's noch einmal, sprich es aus,
Daß du dir den Vaternamen
Wie ein feiger Dieb gestohlen,
Mörder! Daß ich nicht dein Sohn!
Boleslav.
Ach mein Sohn—
Jaromir.
Sprich es nicht aus!
Deine Zunge töne Mord,
Aber nicht dies heil'ge Wort!—
Nicht dein Sohn! Ich nicht dein Sohn!
Habe Dank für diese Nachricht!
Mörder! Darum haßt' ich dich,
Seit ich Gottes Namen nenne,
Seit ich Gut und Böses kenne.
Darum bohrten deine Blicke
Sich wie Meuchelmörder-Dolche
In des Knaben warme Brust,
Darum faßt' ihn kalter Schauder,
Wenn du mit den blut'gen Händen
Seine vollen Wangen strichst,
Dich zu ihm herunter neigtest,
Auf erschlagne Leichen zeigtest,
Und dein Mund mit Lächeln sprach:
Werd ein Mann, und tu mir nach!
Und ich Tor, ich blinder Tor,
Ich verstand des eignen Innern
Tief geheime Warnung nicht,
Rang mit meinem weichen Herzen,
Rang in fruchtlos blut'gem Ringen
Um ihm Liebe abzudrängen
Für des Mannes greises Haar,
Der der Unschuld Henker war.
Bösewicht, gib mir zurück,
Was mir die Geburt beschieden,
Meiner Seele goldnen Frieden,
Meines Daseins ganzes Glück,
Meine Unschuld mir zurück!
Boleslav.
Gott im Himmel! Höre doch!
Jaromir.
Und wo ist, wer ist mein Vater?
Führ mich hin zu seinen Füßen.
Laß ihn einen Landmann sein,
Der mit seiner Stirne Schweiß
Seiner Väter Erbe dünget.
Hin zu ihm! An seiner Seite,
Will ich gern, ein Landmann nur,
Mit der sparsamen Natur
Ringen um die karge Beute,
Legen meiner Tränen Saat
Mit dem Samen in die Erde,
Froh wenn mir die Hoffnung naht,
Daß noch beides grünen werde.
Laß ihn einen Bettler sein;
Ich will leiten seine Schritte,
Teilen seine dürft'ge Hütte,
Teilen seine Angst und Not,
Teilen sein erbettelt Brot;
Will, wenn späte Sterne blinken,
Auf den nackten Boden sinken,
Und mich reich und selig dünken,
Reicher als kein König ist,
Wenn der Schlaf mein Auge schließt.
Sprich wo ist er? Führ mich hin!
Boleslav.
Nun wohlan, so folge mir!
Nicht ein niedrig dunkler Landmann
Nicht ein Sklav' in Bettlertracht,
Nein, ein Mann von Rang und Macht,
Den des Landes Höchste kennen
Und den Fürsten Bruder nennen,
Dem der Ersten Haupt sich beugt,
Jaromir, hat dich gezeugt.
Heiß den düstern Mißmut fliehn,
Denn dein Los ist nicht so herbe,
Stolz sieh auf den Boden hin,
Du trittst deiner Väter Erbe,
Bist ein Graf von Borotin!
Jaromir (zusammenfahrend).
Ha!—