Günther.
Saht Ihr nie ihr Bild im Saale,
Euch so ähnlich, gnäd'ges Fräulein,
Gleich als hättet Ihr dem Maler,
Lieblich wie Ihr seid, gesessen?
Berta.
Oftmals hab ich's wohl gesehn,
Es mit Staunen mir betrachtet,
Und es war mir immer teuer
Wegen dieser Ähnlichkeit.
Günther.
Und Ihr kennet nicht die Sage,
Die von Mund zu Munde geht?
Berta.
Schon als Kind hört' ich's erzählen,
Doch ein Märchen nennt's der Vater.
Günther.
Ach, er fühlt's zu dieser Frist,
Wie er sich's auch selbst verhehle,
Fühlt's im Tiefsten seiner Seele,
Daß es mehr als Märchen ist.
Ja, die Ahnfrau Eures Hauses,
Jung und blühend noch an Jahren,
Berta, so wie Ihr geheißen,
Schön und reizend, so wie Ihr,
Von der Eltern Hand gezwungen,
Zu verhaßter Ehe Bund,
Sie vergaß ob neuen Pflichten
Langgehegter Liebe nicht;
In den Armen ihres Buhlen
Überfiel sie der Gemahl.
Durstend seine Schmach zu rächen,
Straft' er selber das Verbrechen
Stieß ins Herz ihr seinen Stahl,
Jenen Stahl, den in der Blinde
Man dort aufgehangen hat,
Zum Gedächtnis ihrer Sünde,
Zum Gedächtnis seiner Tat.
Ruhe ward ihr nicht vergönnet,
Wandeln muß sie ohne Rast,
Bis das Haus ist ausgestorben,
Dessen Mutter sie gewesen,
Bis weit auf der Erde hin
Sich kein einz'ger Zweig mehr findet
Von dem Stamm den sie gegründet,
Von dem Stamm der Borotin.
Und wenn Unheil droht dem Hause,
Sich Gewitter türmen auf,
Steigt sie aus der dunkeln Klause
An die Oberwelt herauf.
Da sieht man sie klagend gehen,
Klagend, daß ihr Macht gebricht,
Denn sie kann's nur vorhersehen,
Ab es wenden kann sie nicht!
Berta.
Und das ist es—?
Günther.
Das ist alles
Was ich hier zu sagen wage,
Wenn gleich all nicht was ich weiß.
Eines ist noch übrig, eines,
Das des Hauses ältre Diener,
Das der Gegend welke Greise
Bang sich in die Ohren raunen,
Das der Sage heil'ger Mund
Aus der Väter fernen Tagen
In die Enkelwelt getragen.
Eines, das den Schlüssel gibt
Zu so manchem finstern Rätsel,
Das ob diesem Hause brütet.
Aber wag ich es zu sagen
Hier an diesem, diesem Ort
Wo noch kurz zuvor der Schatten—
(Mit scheuen Blicken umhergehend. Berta schmiegt sieh an ihn, und folgt mit ihren Augen den seinigen.)
Runzelt Ihr die hohen Brauen
Edler Herr? Ich kann nicht anders!
Meinen Busen will's zerbrechen
Und es drängt mich's auszusprechen
Beb ich selber gleich zurück.—
Kommt hierher, mein Fräulein, hierher
Und vernehmt und staunt und bebt.—
Mit der Ahnfrau blut'ger Leiche
Ward der Sünde Keim begraben,
Aber nicht der Sünde Frucht.
Das Verbrechen, das des Gatten
Blut'ger Rachestahl bestraft,
War, wie jene Sage spricht,
Wohl das Letzte ihres Lebens
Aber ach, ihr erstes nicht.
Ihres Schoßes einz'ger Sohn,
Den Ihr unter Euren Ahnen,
Unter Euren Vätern zählt,
Der des mächt'gen Borotin
Lehen, Gut und Namen erbte,
Er—
Graf.
Schweig!