Manrique (mit starker Stimme).
Und Ihr nicht auch?
König (nach einer Pause).
Der Mann hat recht; ich auch.
Allein was ist die Welt, mein armes Land,
Wenn niemand rein und übrall nur Verbrecher?
Doch hier mein Sohn. Tritt du in unsre Mitte,
Du sollst der Schutzgeist sein von diesem Lande,
Ob uns ein höhrer Richter dann verzeiht.
Führt Doña Clara, Ihr ihn an der Hand,
Euch hat ein günstiges Geschick verliehn
In Unbefangenheit bis diesen Tag
Das Leben zu durchziehn; Ihr seid es wert,
Die Unschuld einzuführen unter uns.
Doch halt! Hier ist die Mutter. Was sie tat,
Sie tat es für ihr Kind. Ihr ist verziehn.
(Da die Königin vortritt und ein Knie beugt.)
Madoña, straft Ihr mich? Wollt Ihr mir zeigen
Die Stellung, die mir ziemte gegen Euch?
Kastilier seht her! Hier Euer König,
Und die Regentin hier an seiner Statt,
Ich bin nur der Feldhauptmann meines Sohns.
Denn wie die Pilger mit dem Kreuz bezeichnet
Zur Buße hinziehn nach Jerusalem,
So will ich, meiner Makel mir bewußt,
Euch führen gegen jene Andersgläub'gen,
Die an der Grenze fern aus Afrika
Mein Volk bedrohn und dies mein stilles Land.
Kehr ich dann wieder, und will's Gott als Sieger,
Dann sollt Ihr sagen, ob ich wieder wert,
Das Recht zu schützen, das ich nun verletzt.
Euch jeden trifft die Strafe so wie mich,
Denn in die dichtsten Haufen unsrer Feinde
Sollt Ihr mir folgen, Ihr gesamt, zunächst.
Und wer dann fällt, er hat gebüßt für alle.
So straf ich Euch und mich. Hier meinen Sohn,
Setzt ihn auf einen Schild, gleich einem Thron,
Denn er ist heut der König dieses Landes,
Und so geschart, laßt gehn uns vor das Volk.
(Man hat einen Schild gebracht.)
Ihr Frauen beide reicht dem Kind die Hand,
Sein erster Thron ist schlüpfrig—wie der zweite.
Du Garceran, du bleibst an meiner Seite:
Wir haben gleichen Leichtsinn zu vertreten,
Wir wollen kämpfen wie mit einer Kraft.
Und hast du dich gereinigt so wie ich,
Vielleicht hält jene Stille, Sittigreine
Dich ihrer Huld und ihres Auges wert.
Ihr sollt ihn bessern, Doña Clara! doch, um Gott!
Macht ihm die Tugend nicht nur achtungswert,
Nein liebenswürdig auch. Das schützt vor vielem.
(Trompeten aus der Ferne.)
Hört Ihr? Sie rufen uns. Die ich beschieden
Als Beistand gegen Euch, sie sind bereit
Zur Hilfe gegen unser aller Feind,
Den grimmen Mauren, der den Grenzen droht,
Und den ich senden will mit Schmach und Wunden
Rück in sein heimisch dürres Wüstenland,
Auf daß das unsre frei von Unbill
Nach innen und nach außen wohl bewahrt.
Voraus! Voran! Geliebt es Gott: zum Sieg.
(Der Zug hat sich schon früher geordnet. Voraus einige Vasallen; dann das Kind auf dem Schilde, das die Frauen zu beiden Seiten an den Händen halten, dann der Rest der Männer. Zuletzt der König, sich vertraulich auf Garceran stützend.)
Esther (zu ihrem Vater gewandt).
Siehst du, sie sind schon heiter und vergnügt
Und stiften Ehen für die Zukunft schon.
Sie sind die Großen, haben zum Versöhnungsfest
Ein Opfer sich geschlachtet aus den Kleinen
Und reichen sich die annoch blut'ge Hand.
(In die Mitte des Theaters tretend.)
Ich aber sage dir, du stolzer König:
Geh hin, geh hin in prunkendem Vergessen—
Du hältst dich frei von meiner Schwester Macht,
Weil abgestumpft der Stachel ihres Eindrucks
Und du von dir warfst, was dich einst gelockt.
Am Tag der Schlacht, wenn deine schwanken Reihen
Erschüttert von der Feinde Übermacht,
Und nur ein Herz, das rein und stark und schuldlos
Gewachsen der Gefahr und ihrem Drohn:
Wenn du emporschaust dann zum tauben Himmel,
Dann wird das Bild des Opfers, das dir fiel,
Nicht in der üpp'gen Schönheit, die dich lockte,
Entstellt, verzerrt, wie sie dir ja mißfiel,
Vor deine zagend bange Seele treten!
Dann schlägst du wohl auch reuig an die Brust,
Dann denkst du an die Jüdin von Toledo.
(Den Alten an der Schulter fassend.)
Kommt, Vater, kommt! Wir haben dort zu tun.
(Auf die Seitentüre zeigend.)