Rudolf. Hätt' ich gehört auf das was dorther tönt,
Wär' längst getilgt die Lehre samt den Schülern
Und in Verbannung geiferte der Trotz.
Ich aber duldete mit Vatermilde,
Die Überzeugung ehrend selbst im Irrtum.
Verfolgt ward niemand wegen seiner Meinung;
Im Heer im Rate sitzen eure Jünger,
(auf Herzog Julius zeigend)
Selbst hier mein Freund ist euch ein Lehrgenoß.
Geduldet hab ich, aber nicht gebilligt,
Bestät'gen wäre billigen zugleich.

Zuckt ihr die Schulter? Nun ihr meint, das Messer
Sitzt eben an der Kehle, und habt recht.
Will ich vergessen nicht mein weltlich Amt,
Muß ich dem Himmel überlassen seines.
Gebt her die Schrift! Sie ist wohl gleichen Inhalts
Mit jener frühern; doch da ihr mißtraut,
Ziemt Mißtraun wohl auch mir. Gebt eure Schrift!
(Die Rolle, die der Page ihm kniend darbietet, vom Kissen nehmend.)
Ist's doch als ginge wild verzehrend Feuer
Aus dieser Rolle, das die Welt entzündet
Und jede Zukunft, bis des Himmels Quellen
Mit neuer Sündflut bändigen die Glut,
Und Pöbelherrschaft heißt die Überschwemmung.
(Die Schrift entfaltend und lesend.)
Der Eingang, wie gewöhnlich, leere Formel.
Von Treu, Anhänglichkeit—Wohl Liebe gar!
Drum fordert ihr auch meiner Neigung Pfänder.

(Ein Hofdiener ist unmittelbar aus der Türe links gekommen und hat sich Wolfgang Rumpf genähert, der dem Kaiser gegenüber im Vorgrunde steht.)

Diener (leise).
Erzherzog Leopold aus Steiermark
Sind angekommen, heimlich, unerkannt,
Und wünschen augenblickliches Gehör.

Rumpf (ebenso).
Es ist nicht möglich jetzt.

Diener. Sie dringen sehr.

(Da Wolfgang Rumpf einige Schritte gegen den Kaiser macht.

Rudolf. Was soll's? Jetzt ist nicht Zeit.—Was immer. Später!

(Rumpf zieht sich zurück und bedeutet dem Diener durch Zeichen, der sich entfernt.)

Rudolf (weiter lesend).
Hier ist ein Punkt der neu. Der muß hinweg.
Gehorsam zu verweigern gibt er euch
Das ausgesprochne Recht, wird irgendwie
Geordnet was entgegen eurer Satzung.
Das ist der Aufruhr, ständig, als Gesetz.
Bedenkt ihr auch das Beispiel das ihr gebt?
Ich nicht allein bin Herr, auch ihr seid Herren,
Habt Untertanen, die in eurer Pflicht;
Wenn ihr mir trotzt, so drohen sie euch wieder.
Erst gebt dem einzelnen, dem Unverständ'gen
Ein Urteil ihr in dem, wo selbst die Weisen
Verstummend stehn als an der Weisheit Grenze;
Dann ruft ihr ihn vom Acker auf den Markt,
Zählt seine Stimme mit und heißt ihn mehren
Die Mehrzahl wider Ehrfurcht und Gesetz.
Ihr stellt ihn gleich mit euch, und hofft doch künftig
Als Mindern ihn zu stellen unter euch?
Und wärt ihr auch so christlich mild gesinnt
Im Menschen nur zu sehen euern Bruder:
Seht an die Welt, die sichtbar offenkund'ge,
Wie Berg und Tal und Fluß und Wiese stehn.
Die Höhen, selber kahl, ziehn an die Wolken
Und senden sie als Regen in das Tal,
Der Wald hält ab den zehrend wilden Sturm,
Die Quelle trägt nicht Frucht, doch nährt sie Früchte,
Und aus dem Wechselspiel von hoch und niedrig,
Von Frucht und Schutz erzeugt sich dieses Ganze,
Des Grund und Recht in dem liegt, daß es ist.
Zieht nicht vor das Gericht die heil'gen Bande,
Die unbewußt, zugleich mit der Geburt,
Erweislos weil sie selber der Erweis,
Verknüpfen was das Klügeln feindlich trennt.
Du ehrst den Vater,—aber er ist hart;
Du liebst die Mutter,—die beschränkt und schwach,
Der Bruder ist der nächste dir der Menschen,
Wie sehr entfernt in Worten und in Tat;
Und wenn das Herz dich zu dem Weibe zieht,
So fragst du nicht ob sie der Frauen Beste,
Das Mal auf ihrem Hals wird dir zum Reiz,
Ein Fehler ihrer Zunge scheint Musik,
Und das: ich weiß nicht was, das dich entzückt,
Ist ein: ich weiß nicht was für alle andern;
Du liebst, du hoffst, du glaubst. Ist doch der Glaube
Nur das Gefühl der Eintracht mit dir selbst,
Das Zeugnis, daß du Mensch nach beiden Seiten:
Als einzeln schwach, und stark als Teil des All.
Daß deine Väter glaubten was du selbst,
Und deine Kinder künftig treten gleiche Pfade
Das ist die Brücke die aus Menschenherzen
Den unerforschten Abgrund überbaut
Von dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe.
O prüfe nicht die Stützen, beßre nicht!
Dein Menschenwerk zerstört den geist'gen Halt
Und deine Enkel lachen einst der Trümmer
In denen deine Weisheit modernd liegt.
Ist eure Satzung wahr, wird sie bestehn,
Und wie das Bäumchen, das vom Stein gedrückt,
Die Zweige breiten, siegend ob der Last;
Allein wenn falsch, so wißt, daß seine Wurzeln
Auflockern all was fest und alt und sicher.
Der Zweifel zeugt den Zweifel an sich selbst,
Und einmal Ehrfurcht in sich selbst gespalten,
Lebt sie als Ehrsucht nur noch und als Furcht.
Maßt euch nicht an zu deuteln Gottes Wahrheit.